Kultur : Familien- Bande

Heidi Jäger

Mehrmals schon sollte das Hans Otto Theater ein neues Haus erhalten. Aber immer wieder wurde ein Neubau verschoben, kurz nach der Wende der Rohbau des Theaters sogar abgerissen, weil dieser „am falschen Platz“ stand. Am 22. September ist es soweit: Am Havelufer in der Schiffbauergasse wird sich der Vorhang im neuen Haus öffnen. In unserer Serie wollen wir an vergangene Jahrzehnte des Theaters erinnern.

HEUTE: Die Kuchenbuchs

An den fünf Kuchenbuchs führt kein Weg vorbei: Aus dieser Familiendynastie mischten eine Zeitlang gleich drei Schauspieler kräftig im Potsdamer Spielbetrieb mit. Und auch hinter der Bühne waren sie vertreten. Seit Jahrzehnten verwandelt Mutter Barbara als Maskenbilderin und rechte Hand des Chefs die Gesichter der Schauspieler in rollengerechte, charismatische Antlitze. Gemeinsam mit Roland Kuchenbuch und den drei kleinen Söhnen kam sie Anfang der 70er Jahre nach Potsdam. Roland Kuchenbuch feiert inzwischen sein 35. Bühnenjubiläum am Hans Otto Theater – und es ist keineswegs ruhiger um ihn geworden. Vielmehr wuchsen mit dem Alter die Herausforderungen – und er wusste sie beseelt zu nehmen. Er war Nathan der Weise, brillierte in „Leben ein Tanz“ und hatte vor allem seit der Ära Uwe Eric Laufenbergs seine Sternstunden. Gleich an drei großen Darstellerinnen durfte er sich messen: an Katharina Thalbach in „Frau Jenny Treibel“, an Christine Schorn in „Der Besuch der alten Dame“ und jüngst an Angelica Domröse in „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Er bestand souverän diesen grandiosen Dreierschlag und stand keineswegs im Schatten der Stars.

Sohn Christian als der Älteste fing im Pioniertheater an, Bühnenluft zu schnuppern. Noch als Knirps spielte er auch seine ersten Rollen am Hans Otto Theater: in „Frech wie Oskar“ in der Regie Günter Rügers oder in „Yerma“, inszeniert von Rolf Winkelgund. In der künstlerisch wie politisch sehr anregenden Inszenierung von Aitmatows „Zeit der Wölfe“ gab er in der Wendezeit – nunmehr erwachsen und diplomiert – sein begeistert gefeiertes Debüt als Awdi. In dieser Inszenierung von Gert Jurgons war der ganze fünfköpfige Kuchenbuch-„Clan“ vertreten: einschließlich Bruder Sascha als Beleuchter.

Schließlich ging Christian ans Teamtheater von Stephan Märki nach München. Als Märki Intendant in Potsdam wurde, folgte ihm auch Christian Kuchenbuch. Man konnte ihn unter anderen an der Seite von Nadja Uhl als Möchte-Gern-Philosoph in Sternheims Komödie „Die Hose“ sehen. Und auch als geistig etwas einfältigen Christian in „Cyrano de Bergerac“. Doch da hatte Märki bereits als Chef das Handtuch geworfen und Ralf-Günter Krolkiewicz das Leitungs-Zepter übernommen. Christian Kuchenbuch blieb am heimischen Haus und führte auch selbst Regie, so zu Mrozeks „Die Polizei“ und Christa Wolfs „Kassandra“ mit Gisela Leipert. Derzeit ist Christian Kuchenbuch Ensemblemitglied am Schauspielhaus Frankfurt am Main. Vor kurzem stattete Bruder Robert dem Älteren einen „Besuch“ ab und spielte mit ihm gemeinsam in Schillers „Räuber“ .

Roberts erste Rolle am Hans Otto Thetaer war Mitte der 90er der Lucky in „Warten auf Godot“. Zuvor mischte er als Bühnentechniker bereits ganz praktisch im Theaterleben mit. Nach der Schauspielschule zog es ihn wieder nach Potsdam zurück. Er arbeitete viel mit Regisseur Alexander Hawemann: in „Recht auf Jugend“ von Arnolt Bronnen oder Büchners „Leonce und Lena“. Robert – inzwischen fest am Maxim-Gorki-Theater Berlin engagiert – schlug gern sehr kraftvolle Akkorde an, provozierte rauhbeinig mit anarchistischem Charme. Sein großer Bruder Christian bestach eher durchs Gegenteil: Er spielte häufig Verlierertypen, leise, empfindsame Seelen.

Alle drei Söhne lernten in Potsdam das Laufen. Inzwischen sind sie dem „Nest“ entflogen und gehen ihre eigenen Theaterwege. Mutter und Vater halten weiterhin in Potsdam tatkräftig die Stellung.

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