Kultur : Es wurde was draus!

Zum 100. Geburtstag des Potsdamer Malers Heinz Böhm

„Gewissermaßen mit dem Hintergedanken ,wer weiß, was draus wird“ ist man Maler geworden“, resümiert Heinz Böhm nach jahrzehntelangem Suchen und Finden seiner unverwechselbaren Bildsprache. „Vielleicht hat Kunst die Aufgabe, der Welt die Augen zu öffnen, damit die Menschheit sich erkenne, damit sie sich, vielleicht, nicht vernichte, vielleicht …“

Heinz Böhm, der geborene Rixdorfer, wäre morgen 100 Jahre alt geworden. Er hatte es nicht weit zur HDK Berlin-Charlottenburg. Carl Hofer und Emil Orlik lehren ihn von 1924 bis 1932 das Malen und Zeichnen. Er ist Hofer-Meisterschüler. Die seinen Lehrern lebenslang entgegengebrachte Hochachtung verleitet den Schüler nicht zum Epigonentum.

Werner Heldt, Ludwig Kasper; Renee Sintenis und Herbert Tucholski sind die Künstlerfreunde, mit denen er zwischen 1934 bis 1942 in die Berliner Industriehallen geht und Ausstellungen organisiert, um mit den Arbeitern ins Gespräch über Kunst zu kommen. Sie sind vom Erscheinungsbild der Arbeitswelt und ihrer Protagonisten fasziniert.

Der Kriegsdienst macht ihm zum Trickfilmzeichner. Es gibt Schlimmeres. Die junge Familie Böhm zieht nach Königs Wusterhausen. Die Kunst geht nach Brot. Er wird Chef des DEFA-Trickfilmstudios in Potsdam-Babelsberg und bezieht das große alte Haus am Weißen See.

Ab 1963 kann er wieder als freier Maler arbeiten. Frau Christel, um die wir gerade trauern, arbeitet als Buchhändlerin, die Kinder gehen in die Helmholtz-Schule. Die Böhms sind eine große, fröhliche Familie mit vielen Freunden. Um Heinz Böhm versammeln sich die Potsdamer Künstler, darunter Kurt Robel, Hubert Globisch, Ronald Paris, Wolfgang Wegner, sein Nachbar, um über Kunst zu debattieren. Auf die Jungen übt das offene Böhmsche Haus eine starke Anziehungskraft aus. Von Giotto bis zum „sozialistischen Realismus“ bleibt nichts undiskutiert – nächtelang – bei erheblichem Rotweinverbrauch.

Christel Böhm, die ideale Künstlergattin, hält alles gut in der Waage. Sie ist lebenslang sein bevorzugtes Modell. Es gibt anrührende Porträts von Frau und Kindern. Die Familie um den Gartentisch, vom Balkon aus zu beobachten, ist dem Maler ein Heidenspaß. Beim Baden, Ruhen, Arbeiten; gemalt werden sie alle und immer wieder. Die Stadt Potsdam braucht lange, bis sie Heinz Böhm die erste Personalausstellung ausrichtet. 65 Jahre alt muss er werden. Inzwischen hat ihm seine Begabung zum Wandbild Räume geöffnet. Hier feiern seine „Apfelpflückerinnen“, die „Badenden“ oder die Helden der Odyssee Orgien der ansteckendsten Lebenslust. Der weibliche Akt ist nicht wegzudenkender Teil des Gesamtwerkes Heinz Böhms. Nicht, dass die von Heinz Böhm auf seine besondere Art ausgeformten Figuren mit ihrer fleckenhaften Plastizität und die eigene, gar nicht naturalistische Farbgebung es dem Beschauer immer leicht gemacht hätte.

Als Berliner geht ihm selten der Humor aus, außer wenn sich das Bild seinem Willen sperrt. Der Jähzorn hat manches gute Blatt vernichtet. Der ewige Zweifel lässt ihn nicht selbstzufrieden sein. Noch kurz vor der Eröffnung der Ausstellung nimmt er an seinen Bildern Korrekturen vor. Sie gehen zu den zentralen DDR-Kunstausstellungen nach Dresden. Namhafte Künstler setzen sich für Böhm ein.

Endlich erhält er den ranghöchsten Kunstpreis des Bezirkes Potsdam – den Theodor-Fontane-Preis – längstverdient. Denn seine gemalte Poesie des Alltags gehört zum Besten, was in der „Brandenburgischen Streusandbüchse“ gewachsen ist – Familie, Garten, Interieur, Stillleben: Das Einfache, das so schwer zu machen ist, machen sein Oeuvre aus.

Das Potsdam-Museum kann wie zahlreiche andere Sammlungen der DDR auf eine Reihe interessanter Werke stolz sein, darunter drei Bildtafeln eines expressiven Zyklus „Feuersbrunst“, „Tanz des Lebens“ und „Totentanz“. Diese Metaphern der Lebensfreude und Bedrohung sind heftig niedergeschriebene Überlegungen des reifen Malers.

Seine Kriegserlebnisse haben ihn 1976 bewogen, den Auftrag für das Bild „Bebel spricht vor dem Reichstag“ für die Schule in Michendorf anzunehmen. Er setzte sich mit diesem Wandbild nicht nur der Diskussion von Schülern und Lehrern aus. Berge von Entwürfen gehen voraus. Bebel, seine Freunde, seine Gegner werden comicartig in Szene gesetzt. Die SED hat es schwer mit der Interpretation. Heinz Böhm, der Trickfilmzeichner, fasst noch einmal – schalkhaft – in seine Wunderkiste. Er kennt sie alle – die Guten und die Bösen. Alle sind nur Darsteller auf Zeit im Welttheater. Es wird ein Bild für junge und für Erwachsene.

Man ist versucht Thomas Manns auf Fontane gemünzte Worte auf Heinz Böhm und sein gelebtes Werk anzuwenden, nämlich dass es „Klassische Greise gibt, die „die idealen Vorzüge dieser Lebensstufe als Milde, Güte, Gerechtigkeit, Humor und verschlagene Weisheit, jene höhere Wiederkehr kindlicher Ungebundenheit und Unschuld ihr eigen nennen.“

Heinz Böhm starb 1988 in Potsdam.

U. S.

Ab 6. Juni 2007 zeigt die Galerie Samtleben Potsdam eine Auswahl von Zeichnungen, Aquarellen und Gouachen zum 100. Geburtstag des Künstlers.