• „Es begann fast schon ein Pückler-Kult“

Kultur : „Es begann fast schon ein Pückler-Kult“

Erst verachtet, dann verehrt: Der Cottbuser Kulturwissenschaftler Ulf Jacob über die widersprüchliche und teils bizarre Rezeption des Gartenkünstlers und Reiseschriftstellers Fürst Hermann von Pückler-Muskau in der DDR

Forscht über Pückler: Ulf Jacob.
Forscht über Pückler: Ulf Jacob.Foto: Luise Jacob

Herr Jacob, Sie haben die Rezeption des Hermann von Pückler-Muskau in der DDR erforscht. War der Fürst denn den Menschen zu DDR-Zeiten überhaupt ein Begriff – abgesehen von der Eissorte?

Wenn man nachgefragt hätte, wäre sicher nicht allzu viel gekommen. Dass er ein Gartengestalter war, war noch am ehesten bekannt. Aber Pückler als Schriftsteller, als Reisender, als kulturgeschichtlich hochinteressante Person, das ist ein Thema, das erst in den letzten Jahren der DDR langsam in die Öffentlichkeit gedrungen ist.

Weil Pückler nicht ins sozialistische Menschenbild passte?

Er war ein Aristokrat und als solcher galt er als Teil einer untergegangenen Gesellschaftsordnung, dem ,Junkertum’ angehörig und reaktionär. In den 1950er Jahren gab es sogar – aber das war doch eher eine Episode – eine Art Aburteilung Pücklers. In der Lausitzer Rundschau, der Regionalzeitung des Bezirkes Cottbus, erschien ein sehr heftiger Artikel, in dem Pückler regelrecht als ,widerlich, abgeschmackt, dekadent’ beschrieben wurde. Aber in dieser Schärfe und Härte habe ich das in den öffentlich zugänglichen Medien nur einmal beobachten können. Pückler wurde in einem gewissen Zwiespalt beschrieben, er sei seiner Klasse verhaftet gewesen und auch nicht darüber hinausgekommen. Aber wenigstens auf dem Feld der Landschaftsgestaltung hat er sich zu einer fortschrittlichen Position durchgerungen. Er habe den Landschaftsgarten zur Vollendung geführt und der galt eben als fortschrittlich gegenüber dem Barockgarten.

Wie hat sich diese Anerkennung denn auf die Gärten ausgewirkt?

Was die Parks Muskau und Branitz betrifft, ist es eine ungebrochene Geschichte des Schutzes und denkmalpflegerischer Bemühungen. Es gab natürlich in der Nachkriegszeit und angesichts der Not eine teilweise Umnutzung auch von Parkflächen. Da wurden Wiesen in Ackerflächen umgewandelt, aber das war eher ein Übergangsphänomen. Bereits Anfang der 1950er Jahre herrschte Konsens, dass das tatsächlich Gartenkunstwerke sind, die es zu schützen gilt. Anders allerdings in Potsdam: Nachdem bereits Bauten für die spätere Akademie der Staats- und Rechtswissenschaften errichtet worden waren, verfolgte man hier ab Mitte der 1950er Jahre sogar Pläne, den ganzen Babelsberger Park in einen ,Kulturpark’ umzuwandeln. Mit Freilichtbühne, Großplastiken, Feststraße. Der Kulturpark war ein sozialistisches Freiraumideal der 1950er Jahre und vor allem Walter Funcke, ein DDR-Landschaftsarchitekt, hat diese Planungen für Babelsberg verfochten. Dann wurde von der GST (Gesellschaft für Sport und Technik, d. Red.) ein „Bezirkszentrum für maritime Ausbildung“ errichtet.

Und 1961 kam die Grenzsicherung …

Der Uferbereich wurde abgetrennt und komplett überformt, im Sinne besserer Einsehbarkeit wurde der Boden nivelliert. 1978 gab es dann noch einmal eine Erweiterung des Grenzsicherungsbereichs. Das ist ein ziemlich trauriges Kapitel in der Geschichte der Pückler-Rezeption. Es ist aber immer so, wenn es besonders dunkel wird, kommt auch wieder ein Licht her: Und das war in Babelsberg nicht anders. 1959 wurde Harri Günther der neue Direktor der Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci. Und er hat von Anfang an sich auch um Babelsberg gekümmert. Es gab bereits zu Beginn der 1960er-Jahre Versuche, einiges zu rekonstruieren und den Bewuchs zu verjüngen. Zum Teil wurde auch gerodet und Wegebau betrieben. Und dann ab Anfang der 1970er Jahre, unter dem neuen Bereichsleiter Karl Eisbein, wurde vor allem auch im Pleasureground denkmalpflegerisch gearbeitet. 1977 kam es schließlich, wie eine kleine Wiedergutmachungs- und Versöhnungsgeste, zur Aufstellung des Pückler-Gedenksteinsmit dem Relief des DDR-Bildhauers Gerhard Geyer.

Die eigentliche Entdeckung der Person Pückler geschah aber erst in den 1980er-Jahren?

Ja, und zwar mit Macht: Es gab anlässlich seines 200. Geburtstages 1985 die Pückler-Ehrung. Die 1980er-Jahre waren eine Zeit, wo der DDR-Staat sich des humanistischen Kulturerbes vergewissern wollte. Luther und Friedrich II. wurden wiederentdeckt und Schriften von Bismarck verlegt, auch Künstler und Komponisten wurden gewürdigt, wie Bach und Händel. Und 1985 hatte dann in der Tat auch Pückler das Privileg, geehrt zu werden.

Wie sah diese Ehrung aus?

In Cottbus gab es einen Festakt und mehrere Veranstaltungen. Selbst im Neuen Deutschland erschien ein umfangreicher Artikel. Das war schon beachtlich. Die Festansprache zur Cottbuser Ehrung hielt Kurt Löffler, Staatssekretär im Kulturministerium der DDR. Das war also recht honorig besetzt und hoch angebunden.

Damit war Pückler also in den Olymp der DDR-Kultur aufgenommen worden?

Das war der offizielle Ritterschlag. Es begann fast schon ein Pückler-Kult: Anlässlich der Ehrung erschien zum Beispiel eine Gedenkmünze, es wurde ein Pücklerplakat ediert. In den 1980er-Jahren wurde auch das Eis-Rezept nochmal gedruckt. Sogar im Journal ,Das Magazin’ gab es mal einen Artikel zu Pückler. Und schon in den 1960er-Jahren tauchte Pückler im ,Mosaik’ auf, dieser Comic-Reihe.

Wie hat man sich in der DDR denn dem Reiseschriftsteller Pückler genähert?

Eine erste kleine verlegerische Sensation ereignete sich bereits 1969. Im Verlag Rütten und Loening erschienen Auszüge aus Pücklers ,Briefe eines Verstorbenen’. Und zwar die Irland-Briefe. Da wurde zum ersten Mal für ein DDR-Publikum der Pückler auch als Schriftsteller greifbar. Denn es hat sich bis in die 1980er-Jahre hinein dieses Vorurteil gehalten, dass Pückler eine große Nummer in Sachen Gartengeschichte ist, aber als Schriftsteller nicht wirklich ernst zu nehmen, sondern ein Dilettant. Er schreibe im Gentleman-Stil mit vielen Fremdwörtern und sei gar nicht so richtig genießbar. 1987 kamen die ,Briefe eines Verstorbenen’ heraus, und Pückler war endlich – aber da war es auch mit der DDR fast vorbei – als Schriftsteller mit seinem Hauptwerk in Gänze greifbar. Damit wurde außerdem deutlich, dass seine gärtnerische Arbeit mit seiner Schriftstellerei im Zusammenhang stand. Dass das Reisen, das Gärtnern sich wechselseitig befruchtet haben: Er war immer ein Lernender, ein Wahrnehmender mit einem sensiblen Sensorium, ein Augenmensch, der das, was er sah und empfand, schreibend zum Ausdruck brachte, aber eben auch gärtnernd.

Hat sich die Wertschätzung Pücklers als Schriftsteller bis heute erhalten?

Ja, sie hat sogar zugenommen. Ich finde es schon beachtlich, dass auch in der DDR erste Ansätze dazu vorhanden waren. Es war eine Parallelaktion zum Geschehen in der Bundesrepublik. Eine wirkliche Wiederentdeckung Pücklers als Autor fand auch dort erst in den 1980er-Jahren statt. 1986 wurden seine Briefe im Westen neu herausgebracht und ein Jahr später in der DDR. Diese Impulse wirkten auch in den 1990ern fort. Man hat sich seitdem mehr mit Pücklers Schreibe beschäftigt. Mit diesem Spannungsverhältnis zwischen dem, was er in seinen Briefen geschrieben hat und dem, was in den Büchern gedruckt wurde.

Wurde denn Pücklers Schreiben zensiert?

Die Briefe waren zum Teil brisanter als die Bücher: Wenn es beispielsweise um Erotisches ging, wurde er recht deutlich, um es mal vorsichtig zu formulieren. Derartige pikante Stellen sind vom Autor und seinen Herausgebern herausgenommen oder verfremdet worden. Dafür wurden dann in die Druckfassung Reflexionen eingeschaltet, die in den Briefen noch nicht enthalten waren. Insofern sind diese gedruckten Briefe Literatur. Das ist ein Kunstprodukt, das auf Erfahrungen basiert und auf einem Quellenfundus beruht, aber letztlich doch wiederum eine eigene literarische Qualität besitzt.

In den vergangenen Jahren hat Pückler noch einmal mehr Medienpräsenz und mehr wissenschaftliches Interesse erfahren, auch angesichts von Ausstellungen wie der aktuellen im Schloss Babelsberg. Gibt es eigentlich noch viel zu seinem Werk zu erforschen?

Im Grunde genommen stehen wir erst am Anfang der Auswertungen der schriftlichen Hinterlassenschaften. Es gibt ein Riesenkonvolut von Pückler-Autografen, die in Krakau lagern, ehemalige Bestände der Staatsbibliothek, die jetzt auch zugänglich sind. Da ist sicherlich noch der eine oder andere Quellenfund zu erwarten. Pückler wird immer wieder neu entdeckt werden.

Was hat Sie denn am meisten überrascht bei Ihren Recherchen?

Ich musste ein Vorurteil revidieren. Ich dachte bislang, dass Pückler als Person erst in den 1970er-Jahren wieder ins Spiel gekommen ist und dann eben verstärkt in den 1980ern. Er wurde aber auch ganz am Anfang, wenn auch auf bescheidenem Niveau, in den 1950er-Jahren gewürdigt. Mir ist erneut bewusst geworden, dass man von der Pückler-Rezeption in der DDR nicht als monolithischen Block sprechen kann.

Sondern?

Sie hatte ganz unterschiedliche Facetten, zum Teil auch gegensätzliche. Hier ideologische Verunglimpfung, dort dann doch Leute, die die Pückler-Fahne hochhielten und auf das Feld der Gartenkunst ausgewichen sind. Es gab auch Kurioses: In Muskau wurde 1957 ein Laienspiel aufgeführt: ,Das grüne Herz der Lausitz’ hieß das, gemeint war der Muskauer Park. Wesentliche Mitautoren und Mitdarsteller waren SED-Genossen. Sie wurden danach auf Bezirksebene wieder zurückgepfiffen und gescholten, dass sie sich eben keine Privatauslegung des Geschichtsbildes leisten dürften. So etwas gab es auch: der SED-Genosse als Pückler-Darsteller. Insofern ist der Umgang mit Pückler widersprüchlich gewesen, manchmal auch bizarr, so wie es die Geschichte der DDR insgesamt war.

Das Interview führte Grit Weirauch

Ulf Jacob, geboren 1968 in Cottbus, ist Soziologe und Kunstwissenschaftler. Er arbeitet für das Fürst-Pückler-Museum in Branitz und veröffentlichte Bücher zur Pückler-Forschung.

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