• Erlöser, Narzisst und Schurke : Autorin Olga Tokarczuk zu Gast in Potsdam

Erlöser, Narzisst und Schurke : Autorin Olga Tokarczuk zu Gast in Potsdam

Am Mittwoch stellt Olga Tokarczuk ihren tausend Seiten umspannenden Roman "Die Jakobsbücher" bei Wist vor.

Magdalena Schmieding
Olga Tokarczuk
Olga TokarczukFoto: Matt Crossick/dpa

Potsdam - Die alte Jenta liegt im Sterben. Doch dann verschluckt sie einen mit geheimnisvollen hebräischen Formeln bekritzelten Fetzen und gleitet in einen Zustand zwischen Leben und Tod. Sie schwebt nun über den Dingen und begleitet ihren Nachkommen, den selbsternannten Erlöser der osteuropäischen Juden des 18. Jahrhunderts, Jakob Josef Frank, auf seiner irrwitzigen Reise zu Religionen, Völkern und Sprachen.

So beginnt der frisch ins Deutsche übersetzte, mehr als tausend Seiten umspannende Roman „Die Jakobsbücher“ von Olga Tokarczuk, aus dem die polnische Autorin am Mittwoch um 19 Uhr im Literaturladen Wist lesen wird. Es ist ein sprachgewaltiger Roman, durchwebt von Polnisch, Latein und Hebräisch. Was auf den ersten Blick sperrig wirkt, entfaltet sich schnell zu einem bunten Teppich voller Geschichten, Episoden und Fantastereien, in denen man sich verlieren kann.

Sprachen, Farben, und Gerüche

Die Handlung des Romans ist in der Königlichen Republik Polen-Litauen des 18. Jahrhunderts verortet. In diesem Vielvölkerstaat, der über die Grenzen des heutigen Polens und Litauens weit hinaus reichte, lebten Menschen unterschiedlicher Ethnien und Konfessionen in staatlich geregelter Religionsfreiheit. Der Leser lernt Christen, Juden, Muslime kennen – und mit ihnen auch ihre Gepflogenheiten, Sprachen, Farben, und Gerüche, denen Tokarczuk durch ihre Sprachgewandtheit meisterhaft Leben einhaucht.

Der Weg von Jakob Josef Frank zieht sich wie ein roter Faden durch Tokarczuks Buch. Bekannt wurde Frank als Anführer der sogenannten Frankisten, die den Talmud ablehnten und sich aus den rückständigen Lebensbedingungen der Juden zu lösen beabsichtigten, um eine neue Religion und ein besseres Leben in einem eigenen Staat aufzubauen. Über das Leben und die schillernde Persönlichkeit Jakob Josef Frank lassen sich viele Informationen finden, im Roman indes bleibt seine Figur schwer fassbar. Er nimmt verschiedene Namen an, tritt vom Judentum zum Islam über, lässt sich sogar zwei Male taufen. Auch durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven erscheint er ebenso wandelbar wie seine Augenfarbe, die von pupillenlosem Schwarz über warmes Bierbraun bis hin zu angsteinflößendem Raubtiergelb changiert. Damit bleibt es dem Leser selbst überlassen, ihn als Messias, Narzissten oder Betrüger zu sehen.

Landkarten, Illustrationen und historische Dokumente

Der Roman wimmelt von historischen Persönlichkeiten: Rabbiner, Erzbischöfe und Sabbataizwinisten vermengen sich mit Entlaufenen, Entstellten und Erleuchteten. Der Leser begegnet Pater Benedykt Chmielowski, dem Autor der ersten polnischen Enzyklopädie, auch trifft er auf den Abenteurer Antoni Kossakowski, genannt Moliwda, der Jakob Josef Frank als Übersetzer und Anwalt beisteht. Diese historischen Figuren erzählen die wechselhafte Geschichte Franks und seiner Anhänger – dabei helfen dem Leser zahlreiche Landkarten, Illustrationen und historische Dokumente.

Reihenweise siechen Menschen in seuchenbefallenen Städten dahin, ärmliche Bauern werden durch ihre Lehnsherren misshandelt, elend ist das Leben in den noch im Mittelalter verharrenden Städten kurz vor dem Beginn der Aufklärung. Der Leser erfährt aber auch von Krankenheilungen durch Frank, von einem falschen Messias mit Brüsten und von der Erleuchtung durch das Essen von Ziegenkot. Er wird in die Geheimnisse des Talmuds eingeweiht, verliert sich in den Geheimnissen jüdischer Zahlenmystik und wohnt den befremdlichen Ritualen der Contratalmudisten bei.

Olga Tokarczuk hat ein wortgewaltiges Werk geschaffen, das viele Deutungsmöglichkeiten eröffnet und weit mehr ist, als ein historischer Roman. Sie schreibt die Geschichte Polens neu und füllt Lücken mit Exkursen, Erfundenem und Kritik. Auch ohne sprachwissenschaftliche oder historische Kenntnisse lässt sich dieser Roman lesen, worauf die Autorin selbst vor Beginn des ersten Kapitels hinweist, empfiehlt sie ihren Roman doch „den Klugen zum Gedächtnis, den Landsleuten zur Besinnung, den Laien als erbauliche Lehre.“


— Olga Tokarczuk: Die Jakobsbücher. Kampa Verlag, 2019, 1184 Seiten, 42 Euro.