Kultur : Erhabenheit trotz Schmerz

Der Choreograph Daniel Léveillé lotete in der Fabrik das Alleinsein aus

Antje Stiebitz

In die Stille hinein dreht sich der Tänzer, hüpft in gewaltigen Sätzen und fällt immer wieder präzise auf seine Füße zurück. Die brachialen Bewegungen mögen so gar nicht zur einsetzenden zarten Violinensonate Bachs passen. Doch genau so schnell wie sich die Körperkraft entlädt, herrscht wieder Ruhe. Eine Stille, die aus Haltungen entsteht, die an Yoga-Asanas erinnern und dem gebeutelten Körper seine Festigkeit zurückgeben. Es ist das erste von fünf Soli, die der kanadische Choreograf Daniel Léveillé entworfen hat, der seit einiger Zeit in der Potsdamer Fabrik zu Gast ist. Sein Stück ist ganz neu, es ist die Vorpremiere von „Solitude before“, welche Anfang Juni in Montreal uraufgeführt wird.

Die Thematik der Soli ist die Einsamkeit. Die Umsetzung der vier Tänzer differiert, doch viele der Motive wiederholen sich eindringlich. So der Blick zum Himmel, auf den ein beinahe besessenes Wirbeln des Kopfes, dann der hilflose Sturz auf den Boden folgt. Ist dieser Blick nach oben die gescheiterte Suche nach Transzendenz? Immer wieder Drehungen, variantenreich auf dem Boden und in der Luft, doch eben immer um sich selbst und auf sich selbst zurückgeworfen. Die Arme scheinen schwer an etwas zu heben, halten sich selbst an den Schultern, wollen etwas wegwischen. Doch wie man es dreht und wendet – die Einsamkeit bleibt.

Anspannung und Schmerz stehen im Raum. Mal auf allen Vieren, mal schwimmend hockend oder auf dem Rücken liegend. Die Bewegungen sind abgehackt und voller Ungeduld. Manchmal wild, aber immer kontrolliert. Anstrengung und Schweiß stehen auf den Gesichtern der Tänzer, ihr Atem ist deutlich hörbar. Im Eifer des Gefechts gehen die Violinensonaten oft unter, selten bewegen sich Körper und Musik im Gleichklang, doch wenn sie es tun, ist es erlösend.

Genau so wie sich auf dem weißen Quadrat auf schwarzem Boden auch Augenblicke der Erhabenheit abspielen. Meist sind es die Ausgangs- oder Endpunkte der Sequenzen, die heldenhafte Standfestigkeit demonstrieren. Als wäre Alleinsein etwas, dem nur durch einen aufrechten königlichen Gestus beizukommen ist und dem erst dadurch eine besondere Qualität abgerungen werden kann. Denn die Einsamkeit ist selbst gewählt: Ein einziges Mal stehen alle vier Tänzer gemeinsam auf der Bühne. Doch als einer seinen Tanz beginnt, verschwinden die anderen hinter dem Vorhang. Der Tanzende nimmt es wahr, doch er artikuliert keinen Einwand, konzentriert sich auf sich selbst und versenkt sich hinter seinen Schultern, als würde er sich verbergen. Und dann zusammengekauert einsam auf dem Boden liegend, schnellt der Körper sofort weiter, so als könne er diesen Zustand doch nicht ertragen.

Schön sind in diesem elementaren Spannungsfeld die seltenen Momente des Humors. Mal zeigt einer der Tänzer einem imaginären Feind seine geballten Fäuste. Und unter den meist kantigen Bewegungen überrascht der unvermutet geschmeidige Hüftschwung eines Tänzers, aus dem sich eine atemberaubende Piourette entwickelt. Ein anderes Mal hält er mitten im Bewegungsschwung seinen Fuß fest als wolle er sich seiner Anwesenheit vergewissern.

Der inzwischen 60-jährige Daniel Léveillé, der bereits letztes Jahr in der Fabrik begeistert hat, will durch seine Performance auf eine weitere Thematik aufmerksam machen: Das unerschrockene Aufwallen von Emotionen. Er betrachtet das Individuum einem Gewaltakt ausgesetzt, der von unseren technologischen Errungenschaften ausgeht. Es sind zurückgehaltene und eingefrorene Gefühle, die sich in den fast gewalttätigen und manchmal unbeholfen anmutenden Bewegungen ausdrücken.

Einem Vogel ähnlich hockt der Tänzer auf dem Boden. Wieder blickt er zum Himmel, und der sich übermäßig drehende Kopf lässt den Körper mit einem lauten Knall auf den Boden prallen. Beinahe karibisch klingende Musik ertönt, als müsse die Brutalität des Augenblicks entschärft werden. Der Körper kämpft kreiselnd weiter und bleibt schließlich zitternd und schnaubend liegen. Dann erhebt er sich mit großer Leichtigkeit und gewinnt – zu voller Größe gestreckt – seine Erhabenheit wieder. Es bleiben Stille und Dunkelheit. Antje Stiebitz

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