• „Er hat an das Paradies geglaubt“

Kultur : „Er hat an das Paradies geglaubt“

Annekatrin Hendel über ihren Film „Vaterlandsverräter“, den sie am Sonntag in Potsdam vorstellt „Man kann mit Paul Gratzik kein normales Interview führen. Das geht nicht.“

Rudern gegen Wut und Fragen. Paul Gratzik in dem Film „Vaterlandsverräter“.
Rudern gegen Wut und Fragen. Paul Gratzik in dem Film „Vaterlandsverräter“.Foto: It Works

Frau Hendel, warum ein Film über den 76-jährigen Schriftsteller und Theaterautor Paul Gratzik, der 20 Jahre für die Staatssicherheit gespitzelt hat und jetzt, allein und fast vergessen, auf einem einsamen Gehöft in der Uckermark lebt?  

Ich kenne Paul Gratzik schon seit 1988 und wusste von Anfang an, dass er ein IM war. Mich hat vor allem das Absurde an einer solchen Stasitätigkeit interessiert. So ein Job hat ja einen Bezug zur gesamten Lebensgeschichte. Paul Gratzik als Angehöriger meiner Vätergeneration, vor dem Krieg geboren, ist geprägt von Vaterlosigkeit, da sein Vater schon in den ersten Kriegstagen gefallen ist. Das hat ihn geformt und er wurde zum Antifaschisten. Die ersten Jahre der DDR wird er sicher als wirkliche Aufbaujahre verstanden haben. Er hat an das Paradies geglaubt, das da entstehen sollte. Mich als nach dem Mauerbau Geborene, haben neben den 20 Jahren seiner Stasitätigkeit, auch das Davor, das Danach und das Jetzt beschäftigt. Und die Frage: Was ist der Preis, den man zahlt.

Und welchen Preis hat Paul Gratzik dafür zahlen müssen?  

Als Paul Gratzik mir von seinem Rumtopf erzählte, den er sich da im Keller seines Gehöfts in der Uckermark macht und ihm beim Trinken dann so menschlich zumute wird, er Lust auf Kommunikation hat, habe ich ihn gefragt, was er in diesen Momenten macht. Er würde dann gern jemanden anrufen, sagte er. Und auf meine Frage, wen er dann anrufe, hat Gratzik geantwortet: Meistens keinen. Das ist auf jeden Fall eine Konsequenz, diese Zurückgezogenheit.

Ist Gratzik ein zerstörter Mensch?  

Das Kuriose für mich ist, dass ich das so nicht empfinde. Für mich ist er ein standhafter, kühner Mann, der vielleicht Fehler macht, aber in den Spiegel schauen kann. Immerhin hat er bei meinem Film mitgemacht.

Geht es in Ihrem Film „Vaterlandsverräter“ auch um Verstehen?  

Es geht sicher um das Verstehen. Aber vor allem auch darum zu zeigen, wie vielschichtig das Leben in der DDR war und konkret die Situation für Paul Gratzik. Es lohnt sich zu erzählen, dass es ganz subjektiv für vieles Gründe gab. Gründe dafür, wie Paul Gratzik sagt, diese Arbeit zu tun. Paul Gratzik hat die Entscheidung, für die Stasi zu arbeiten, ganz bewusst getroffen. Das war 1961. Er hat die Entscheidung aber auch ganz bewusst getroffen, es ab 1981 nicht mehr zu tun.

Welche Gründe hatte Paul Gratzik, diesen Pakt mit dem Teufel Stasi einzugehen?

Für ihn war die DDR ein kostbarer Gesellschaftsentwurf. Ein Land ohne die Herrschaft der Banken und Unternehmer. Er war bereit, wie er sagt, sein Leben für die DDR reinzuschmeißen und fühlte noch nichts Falsches bei der Tätigkeit der Staatssicherheit. Irgendwann wurde ihm schon bewusst, dass er Mist baut.

Als Sie Paul Gratzik 1988 zum ersten Mal auf seinem Gehöft in der Uckermark besuchten, hat er zu Ihnen gesagt, dass er das Schreiben erst durch die Stasi gelernt habe. War diese Aussage der Ausgangspunkt für Ihren Film?

Das war erst einmal der Ausgangspunkt für ein jahrelanges Interesse an diesem charismatischen Dichter, der dem Klischee eines Spitzels so gar nicht entspricht. Das war ja ein großes Geheimnis für mich, diese Stasitätigkeit. Und das hat er auch nicht wirklich gelüftet, da er ziemlich verschlüsselt, fast chiffriert spricht. Er hat zwar immer schon offen darüber geredet, aber immer so, dass ich mir seine Geschichte nicht wirklich zusammensetzen konnte. Und das hat schließlich 2003 dazu geführt, dass ich mich entschlossen habe, diesen Film zu machen.

Am Anfang von „Vaterlandsverräter“ sitzt Paul Gratzik mit Ihnen in einem Ruderboot und reagiert äußerst heftig auf Ihre Fragen. Wie schwierig war für Sie diese jahrelange Auseinandersetzung mit Paul Gratzik und seiner Stasivergangenheit?

Der Film selbst ist innerhalb eines Jahres entstanden. Ein halbes Jahr gedreht, ein halbes Jahr geschnitten. Das war 2010. Ich habe aber sieben Jahre gebraucht, um Geld für „Vaterlandsverräter“ zu beschaffen. Und ich kann nur sagen, solche Szenen wie die auf dem Boot, die haben sich beim Drehen öfter abgespielt. Das ist schon eine ganz typische Situation. Er ist eben auch ein Provokateur. Es war aber nicht schwierig, ihn zu überzeugen, im Film mitzumachen. Da war er gleich bereit.

Warum hat er sich ausgerechnet Ihnen so weit geöffnet?

Paul Gratzik ist immer offen, auch anderen gegenüber, auch in seiner Wut, seiner Ablehnung. Vielleicht hat er sich geöffnet, weil er fest damit gerechnet hatte, dass aus dem Film nichts wird. Es gab da vorher schon einige Versuche von mir und anderen. Eine Basis ist sicher auch, dass wir uns schon so lange kennen. Aber es war dann doch jeden Tag so, als ob es der letzte Drehtag sein könnte.

Weil Sie ständig damit rechnen mussten, dass Gratzik sagt: So, jetzt ist Schluss?

Ja, ich habe damit immer gerechnet. Aber das war ja auch der Reiz.

War Paul Gratzik von Anfang an klar, dass dieser Film sich vor allem auch um seine Stasivergangenheit drehen würde?

Ich habe ihm nicht gesagt, was ich vorhabe. Er hat aber auch nicht gefragt.

Am Anfang von „Vaterlandsverräter“ diese heftige, leidenschaftliche, abwehrende Szene. Im Laufe des Films entsteht dann der Eindruck, dass Sie immer mehr seinen Panzer durchdringen, immer tiefer in ihn eindringen und etwas berühren. Und manchmal ist da das Gefühl, wenn Paul Gratzik spricht, dass seine Stimme zittert, jeden Moment zu kippen scheint.

Ja, das ist so. Als wir in Dresden drehten, habe ich ihm eine Mappe mit Texten von ihm gegeben. Neben Stasiberichten auch literarische Texte. Und er sollte selbst auswählen, was er liest. Dann hat er sich für seinen Stasibericht über Heiner Müller entschieden. Und da ist die Stimme dann ganz dünn geworden.

Wenn Sie sagen, dass Gratzik seine Geschichte, seine Stasivergangenheit immer so erzählt, dass man sie im Grunde gar nicht als solche zusammensetzen kann, wie ist Ihnen dann in „Vaterlandsverräter“ diese Stringenz gelungen?

Ein halbes Jahr haben wir für den Schnitt gebraucht. Und ich bin froh, dass ich da den Schnittmeister Jörg Hauschild, der ja aus Potsdam kommt, an meiner Seite hatte. Denn man kann mit Paul Gratzik kein normales Interview führen. Das geht nicht. Deshalb war es auch nicht leicht, aus den zahlreichen Bruchstücken, die bei den Dreharbeiten entstanden sind, diesen Film zu machen, durch den sich so eine komplexe Lebensgeschichte nachvollziehen lässt.

Gab es Momente, in denen Sie das Gefühl hatten: Da wird nie ein Film draus?

Ich wusste immer, dass das ein Film wird. Beim Drehen vielleicht nicht immer genau, was für einer.

Gratzik bleibt rätselhaft. Aber je länger man sich „Vaterlandsverräter“ anschaut, umso bewusster wird einem, wie die Geschichte von Paul Gratzik das standardisierte Schablonendenken von Opfer und Täter durcheinandergewirbelt. Kann Gratzik mit seiner Stasivergangenheit trotzdem als exemplarisch für diese Zeit gelten?

Er ist nicht der Einzige, der vor 1989 ausgestiegen ist. Und sicher wird es einige andere Inoffizielle Mitarbeiter geben, die schon zu DDR- Zeiten an ihrem Tun gezweifelt haben, nur eben nicht die Kraft hatten, diesen nicht ungefährlichen Schritt zu tun. In Gratzik brodelten die Zweifel schon mindestens seit 1976. Der Ausstieg war keine Entscheidung von heute auf morgen, sondern ein langer Prozess. Daher ist dies für mich auch exemplarisch.

Wie sehen Sie Paul Gratzik nach all den Jahren? Ist er ein Freund?

Bei aller Zwiespältigkeit und Zerrissenheit ist er mir mehr und mehr ans Herz gewachsen. Ich kenne ihn ja vom Theater. In erster Linie ist er ja ein Dichter. Seine Sprache hat mich fasziniert. Und das war nicht nur bei mir so. In den 90er Jahren sind viele junge Künstler zu ihm in die Uckermark gepilgert und haben mit ihm über Texte gesprochen.

Hat Paul Gratzik „Vaterlandsverräter“ gesehen?

Ja, ich habe ihm den Film als ersten gezeigt.

Und wie hat er reagiert?

Er hat gesagt: Anne, du hast mich nicht verraten.

Das Gespräch führte Dirk Becker

„Vaterlandsverräter“ am Sonntag, 30. Oktober, 15 Uhr, Thalia Filmtheater, Rudolf-Breitscheid-Str. 50. Im Anschluss Gespräch mit Annekatrin Hendel. Kartenreservierung unter Tel.: (0331) 74 370 20

Annekatrin Hendel,

in Berlin geboren, war nach ihrem Designstudium als Kostüm- und Szenenbildnerin tätig. Ihr Filmregiedebüt gab sie 1999 mit dem Kurzfilm „Chiquita for ever“. kip

 

Paul Gratzik, geb 1935, ist Schriftsteller und Theaterautor.

 

Gratzik besuchte die Volksschule und wurde von 1952 bis 1954 zum Tischler ausgebildet. 1968 begann er ein Studium am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig, wurde aber nach kurzer Zeit relegiert. Ab 1971 war er freier Schriftsteller und schrieb unter anderem „Transportpaule“ und „Kohlenkutte“.

 

Von 1962 bis 1981 hat Gratzik als IM mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet, dann aber eine weitere Tätigkeit abgelehnt.

 

Seit 1981 lebt Paul Gratzik in der Uckermark.kip

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