Kultur : Entartete Propaganda

Der Film „Venus vor Gericht“ dokumentiert verschollene Kunstwerke

Richard Rabensaat
„Venus vor Gericht“ dokumentiert die Existenz heute verschollener Bilder.
„Venus vor Gericht“ dokumentiert die Existenz heute verschollener Bilder.Foto: Archiv

Lustig und auch ein wenig dramatisch soll es zugehen in dem Propaganda-Streifen „Venus vor Gericht“ aus dem Jahr 1941. Ein Bildhauer, angelehnt an den nationalsozialistischen Monumentalplastiker Arno Breker, vergräbt eine Frauenfigur. „Als Venus vom Acker“ wird sie bekannt und vom raffgierigen, jüdischen Kunsthändler teuer an den Staat verkauft. Der Bildhauer schwört, dass die Skulptur von ihm stamme. Seine Absicht sei gewesen, „wahre Kunst“ zu produzieren. Aber die Kunstsachverständigen glauben ihm ebenso wenig wie der Minister, der das Geld für den Ankauf locker gemacht hat. Erst das ehemalige Model des Bildhauers bringt die Klärung. Da droht dem Bildhauer bereits eine Haft wegen Meineid.

Offensiv polemisiert der Propagandafilm gegen einen modernen Kunstbegriff. Die Nazis werden dabei als aufrechte Verfechter wahrer Schönheit und Natürlichkeit gezeichnet, die in der Not zusammenstehen. 70 Jahre nach seiner Uraufführung zeigte das Filmmuseum zusammen mit dem Potsdamer Kunstverein den Film, denn die Kunstwerke, die in der Galerie des jüdischen Händlers zu sehen sind, sind eine kleine Sensation.

Der Film zeigt unter anderem ein junges Paar, von Ernst Ludwig Kirchner aus Holz gehauen, eine Skulptur von Erich Heckel, ein Bild von Wassily Kandinsky mit dem Titel „Zweierlei Rot“, ein großes Bild von Paul Kleinschmidt mit dem Titel „Duett im Nordkaffee“ und Plastiken aus dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, die von dort aus in die Ausstellung mit dem Titel „Entartete Kunst“ verfrachtet wurden. Die Wanderausstellung tourte von 1937 bis 1941 mit etwa 650 konfiszierten Kunstwerken im damals von den Nationalsozialisten ausgerufenen Deutschen Reich. Die Ausstellung präsentierte nur einen schmalen Teil der 16 000 Kunstwerke, die sich die Nazis insgesamt zusammenplünderten. Viele davon sind bis heute verschollen. Einen nicht unbeträchtlichen Teil verkauften die Faschisten. Die Existenz eines Teils der Skulpturen und Bilder dokumentiert unwillentlich der Film von Hans H. Zerlett. Das ist ein Glück, denn die beschlagnahmten Werke der Ausstellung „Entartete Kunst“ sind nicht vollständig dokumentiert.

Lange Zeit fielen die gemalten Bilder und die Statuen aus der Galerie des Händlers niemanden auf. Im Jahre 2009 trat dann die amerikanische Kunststudentin Susan Fellmann an die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität Berlin heran. Da wusste der Kunstwissenschaftler Andreas Hüneke zwar von der Existenz der im Film gezeigten Werke, hatte aber zum Teil keinen Nachweis. Eine gut restaurierte Fassung des Films von Seiten der Murnau-Stiftung brachte Klarheit darüber, dass im Film Originale zu sehen sind. Hüneke schließt das beispielsweise daraus, dass ein Ölbild mit einer Kaffeehausszene den gleichen Rahmen hat wie auch ein Foto aus der Ausstellung „Entartete Kunst“: „Ein Kulissenmaler hätte sich nicht die Mühe gemacht, auch noch die Rahmen detailgetreu zu imitieren.“ Teilweise sind die Bilder im Film aber auch Nachahmungen. Ein Tafelbild im Stile von George Grosz existiert zwar als Zeichnung, nicht aber als Ölbild. „Hier haben sie ganz plump die Beine drangemalt und das Bild nach unten verlängert. Grosz ist eben nicht so einfach zu fälschen“, so Hüneke. Zwei weitere Plastiken aus dem Film, ein schwarz glasierter Kopf des Bildhauers Otto Freundlich und die Figur „Die Tänzerin“ von Magarete Moll , die ebenfalls für die Ausstellung „Entartete Kunst“ beschlagnahmt wurden, fanden sich 2010 bei Grabungen vor dem Roten Rathaus.

Trotz der plumpen Propaganda schafft es die Liebesgeschichte allerdings durchaus, das Machwerk zusammenzuhalten. Seinem Zweck, vierzehn Tage vor dem Einmarsch Deutschlands in die Sowjetunion gute Stimmung im Volk zu machen, wurde der Film sicher gerecht.

Der Film steht im Internet kostenlos als legaler Download zur Verfügung – allerdings in grauenvoller Qualität.

Richard Rabensaat

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