• „Endlich konnten sie frei malen“

Kultur : „Endlich konnten sie frei malen“

Kuratorin Ina Grätz über die Ausstellung „aus der zeit“ in der Villa Schöningen

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Foto: Thomas
08.03.2013 19:40

Frau Grätz, viele der hier in der Villa Schöningen versammelten Künstler sind weitgehend unbekannt, obwohl sie die Nachkriegsmoderne entscheidend mitgeprägt haben. Besteht diese Unkenntnis nur im Osten, weil diese Künstler in den damaligen Westsektoren arbeiteten?

Nein, es trifft schon zu, dass diese Künstler eher unbekannt sind. Bei Willi Baumeister oder Hans Arp ist das natürlich nicht so. Aber die hier in unserer Sonderausstellung „aus der zeit“ gezeigte abstrakte und informelle Kunst existierte ja auch nur für die kurze Zeitspanne von rund zehn Jahren, von 1950 bis etwa 1960. Danach wurde der internationale Einfluss gerade aus Amerika beispielsweise mit seiner PopArt immer größer. Diese zehn Jahre sind aber eine sehr bedeutende Ära für die Kunstentwicklung. Deswegen zeigen wir diese Ausstellung.

Warum war sie so bedeutend?

Erst einmal muss man sich zurückversetzen in diese Zeit. Wie sah denn die Kunstszene nach dem Zweiten Weltkrieg aus? Das Nazi-Regime hatte die Künstler eingeschränkt und diffamiert, auch viele gezwungen, Deutschland zu verlassen. Somit wurde die Kunstentwicklung unterbrochen. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben dann viele an die Avantgarde der 20er Jahre angeknüpft und sie weiterentwickelt. Endlich konnten sie frei malen. Das zeigen zum Beispiel die Arbeiten von Josef Albers, dem Bauhaus-Künstler, der sehr streng geometrisch arbeitete. Unter den Nazis wurde das Bauhaus gestoppt. Als Albers nach Kriegsende aus Amerika zurückkam, hat er an seine Malweise angeknüpft und Prinzipien seiner Schaffenszeit am Bauhaus weiterentwickelt.

Sehr plastisch fängt das Bild „Berliner Brief“ von Gerhard Hoehme die damalige Zeit ein, obwohl es etwas aus dem abstrakt-informellen Rahmen der Ausstellung herausfällt. Auf diesem Diptychon gibt es anhand von Worten und Zeichen eine Reflexion auf Ost und West, wobei auffällt, dass auf der Westseite das Intellektuelle fehlt.

Ja, diese Feststellung lasse ich zu. Auf dem ersten Blick könnte man meinen, es sei ein sehr romantisierendes Bild über den Osten. Currywurst und Shell im Westen gegen Bertolt Brecht im Osten. Wenn Sie aber genauer schauen, sehen Sie da auf der einen Seite eine bunte und auf der anderen Seite eine sehr triste Landschaft. Und im Osten sind neben den Brechtzitaten auch viele politische Worte der Agitation zu lesen, wie Kampftruppen der Arbeiterklasse, Verdienter Held der Arbeit, Spartakiade, Roter Oktober ...

Es ist ein Bild, in dem man sich verlieren kann und das zugleich an die Zeit des Kalten Krieges erinnert.

Dieses Bild passt zur Villa Schöningen. Man sieht, wenn man aus dem Fenster schaut, das Potsdamer Arkadien romantisch-verzaubert. Doch vor 30 Jahren war hier der Todesstreifen der innerdeutschen Grenze. Dieses Grauen ist nicht mehr zu sehen. Aber so ein Bild wie das von Gerhard Hoehme aus dem Jahr 1966 erinnert daran.

Dieses wandeinnehmende Bild ist anders als die meisten der gezeigten Werke erst nach 1960 entstanden, nach dem Mauerbau.

Ja drei, vier Werke in unserer Ausstellung sind nach 1960 gemalt worden. Aber sie gehören zusammen. Bei dem mit dicker gelber Farbe gespachtelten Bild „Neapel gelbe Fantasien“ von 1959 hat Hoehme einen ähnlicher Aufbau verfolgt wie in seinem „Berliner Brief“. Er hat Schicht um Schicht aufgetragen, nur eben ohne Worte gearbeitet.

Viele Bilder wirken erstaunlich modern und heutig, wie das an eine Flutwelle erinnernde Bild „Korm“ des während der Nazizeit verfemten Künstlers K. O. Götz. Dieser noch lebende Maler, der zu seinem 100. Geburtstag 2014 eine Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin erhält, fasziniert mit seinem wild aufbegehrenden breiten Pinselstrich. Knüpften die Maler nur an das Erbe der 20er Jahre an oder gab es etwas ganz Neues in dieser Zeit nach der großen Zerstörung?

Es war eine noch stärkere Loslösung vom Gegenständlichen, wie K. O. Götz bestens zeigt. Der Duktus spielte die größte Rolle: die dick aufgetragene Farbe, die Löcher in der Leinwand. Nach dem Krieg wurde die Geste so wichtig, das Aktive und Lebendige, auch das Unruhige. Das war ein großer Unterschied zu den 20er Jahren. Diesen Duktus sieht man zum Beispiel in den sehr plastischen Strukturen von Karl Fred Dahmen.

Auch in der abstrakten Kunst existiert ja ganz Verschiedenes wie selbstverständlich nebeneinander.

Durchaus. Da ist zum Beispiel „Sorpe“, das glutrote Bild von Emil Schumacher mit den tiefen Löchern, das an brennende Ruinen erinnert. Wahrlich kein gemütliches Bild. Und dann haben wir da die fast süßliche Malerei von Heinz Krentz, die viel optimistischer ist. Man könnte Blumen oder eine Landschaft in sein Bild hineininterpretieren. Es hat auch eine impressionistische Anmutung.

Es war eine ganz ungewisse chaotische Zeit. Deutschland war in verschiedene Sektoren eingeteilt. Von der Mauer war noch nichts zu ahnen. Keiner wusste, wohin die Entwicklung geht. Inwieweit ist das in der Ausstellung ablesbar?

Inwiefern die Kunst diese Zeit des Chaos spiegelt, ist schwer zu sagen, denn es sind ja keine gegenständlichen Arbeiten. Außer im „Berliner Brief“, wo die Teilung ganz deutlich wird. Und auch das 1959 gemalte Bild „Überbrückte Kontinente“ von Max Ackermann, auf dem zwei blaue Farbflächen aufeinandertreffen und sich aneinanderreiben, könnte dieses Chaos reflektieren.

Diese Diskrepanz zwischen dem wilden Gestus der abstrakten Kunst in den Westsektoren auf der einen und der Entwicklung im Osten auf der anderen Seite, wo man auf den formstrengen, oft betulichen sozialistischen Realismus setzte, ist schon erstaunlich.

Die Kunst im Osten wurde politisch sehr beeinflusst. Künstler wie Baselitz, der vergangenes Jahr in der Villa Schöningen ausgestellt wurde, verließen die DDR, weil sie als „gesellschaftlich unreif“ diffamiert wurden. Es hat im Osten kaum eine Entwicklung der abstrakten Kunst gegeben. Es existierten zwar Ansätze, aber die haben sich nicht durchgesetzt.

Gab es nicht noch anfangs eine Vermischung der Ost- und West-Kunstszene?

Das kann ich nicht sagen, aber ich glaube, im Osten wurde eine andere Sprache gewollt, und die, die sie nicht sprechen wollten, wie Baselitz, gingen in den Westen.

War diese abstrakte und informelle Kunst nach zehn Jahren wirklich vorbei oder wirkte sie in den nachfolgenden Generationen weiter?

Wir hatten zuerst den Eindruck, wir zeigen nur einen Teil der Kunstgeschichte, der zehn Jahre stattfand und der womöglich keinen Einfluss hatte. Aber im Zuge unserer Ausstellungsvorbereitung lernten wir immer mehr Künstler kennen, die das widerlegen. Zum Beispiel Anselm Reyle oder auch Marcel Eichner. Das ist ganz interessant. Der 1977 geborene Eichner nimmt sich gerade in seinen neuesten Arbeiten wieder der informellen Sprache an. Wir werden ihn vom 18. bis 28. April zum Ende unserer Ausstellung in unseren unteren Räumen zeigen. Das wird sicher sehr interessant, dieser direkte Vergleich.

Was erzählt Ihnen als junge Frau diese Ausstellung über die Kunst der Nachkriegszeit?

Ich bin in in einer freiheitlichen Welt groß geworden, mit freiheitlicher Kunst. In der Ausstellung erkenne ich, wie wenig Freiheit Künstler im Zweiten Weltkrieg und auch in der DDR hatten und wie befreiend die 50er Jahre für die hier ausgestellten Künstler waren. Man wird in diese Zeit zurückversetzt. Gerade dieser „Berliner Brief“ von Gerhard Hoehme gibt mir ein bedrückendes Gefühl, wenn ich auf der Ostseite des Diptychons immer wieder lese: „Still!“

Das Gespräch führte Heidi Jäger

Zu sehen bis zum 21. April in der Villa Schöningen an der Glienicker Brücke, Do und Fr von 11 bis 18 Uhr, Sa und So von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 4 Euro

Ina Grätz, geboren 1983 im ostfriesischen Aurich, ist Kunsthistorikerin. Seit 2012 arbeitet sie als General Manager in der Villa Schöningen. Sie leitet die Ausstellung „aus der zeit“.

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