Kultur : Einsamkeit auf japanisch

Lesesalon im Kunstgriff 23 anlässlich der Japan-Kimono-Woche

Astrid Priebs-Tröger

Die Szenerie war fast wie in Haruki Murakamis Erzählung. Im Atelier der Malerin udn Fotografin Heike Isenmann hingen am Montagabend an allen Wänden Kimonos. Schlichte, in weinrot oder grau und solche mit üppigen handgemalten Blütenmotiven, leuchtend gelb auf rot. Die Gastgeberin des Lesesalons trat, selbst mit solch einem aparten Stück angetan, vor ihr Publikum. Das war so zahlreich wie noch nie zu der monatlichen literarischen Veranstaltungsreihe erschienen und wartete gespannt auf die angekündigte deutsch-japanische Lesung mit dem Potsdamer Theater Nadi.

Doch bevor Steffen Findeisen „Toni Takitani“ von Haruki Murakami, leider ohne japanisches Pendant zum Besten gab, betrat eine kleine ältere Frau die freigeräumte Fläche in der Mitte des kaum wohnzimmergroßen Raumes. Kimie Seki, die Mutter der Schauspielerin Noriko Seki, zeigte in einem anmutigen dunkelblauen Kimono einen alten traditionellen Volkstanz, der in schönem Kontrast stand, zu dem was dann folgen sollte.

In der Geschichte Murakamis geht es um Einsamkeit. Im Japan der Nachkriegszeit. Der Held Toni erlebt sie, seit er geboren ist. Alleinsein ist die Grundbedingung seines Lebens. Scheinbar hat er nie etwas vermisst und er begreift erst, was ihm gefehlt hat, als er die Frau seines Lebens trifft. Mit ihr verbindet ihn zwar keine glutvolle Leidenschaft dafür aber umso mehr der anscheinende Gleichklang von Gedanken und Gefühlen. Eines an ihr erregt jedoch sowohl seine Faszination als auch ebenso große Irritation. Seine Frau Eiko liebt Kleidung über alles. Im ganzen Haus häuft sie Unmengen teurer westlicher Designerstücke an und kann wie von einer Droge kaum davon lassen, alles, was ihr gefällt, zu kaufen. Heiterkeit herrschte als Steffen Findeisen diese Passagen pointiert vortrug. Eines Tages erliegt Eiko ihrer Sucht und der Held der Geschichte ist mit zwei mal zwei mal 356 Kleidungsstücken sowie 200 Paar Schuhen allein. Vergeblich versucht er, ihnen mit einem eigens dafür engagierten Model neues Leben einzuhauchen. Doch ihm bleiben nur welke Schatten in Größe 34. Nüchtern und in einer ziselierten Sprache entwarf der japanische Autor sein Bild eines „modernen Menschen“. Steffen Findeisen stellte sich ganz in seinen Dienst und las, dem ruhigen Duktus der Vorlage entsprechend, einfühlsam und unaufgeregt diese kühle Parabel über die Einsamkeit.

Kaum, dass er geendet hatte, befühlten und begutachteten nicht wenige der Besucherinnen vor allem die seidenen Kleidungsstücke; die Ukrainerin Ludmilla drehte sich gedankenverloren in einem aprikotfarbenen Traum. Die Japan-Kimono-Woche im Kunstgriff 23 bietet neben der Präsentation dieses typischen japanischen Kleidungsstückes noch einiges mehr. Eltern und Kinder können sich unter professioneller Anleitung mit der beliebten Papierfalttechnik Origami oder mit japanischen Mangas befassen. Morgen gibt es außerdem Bildertheater mit der Japanerin Masko zu erleben, die dann ein altes Märchen erzählen wird.

Astrid Priebs-Tröger

Nächster Lesesalon am 14. Mai um 20.30 Uhr, Martin Ahrends liest aus „Der schlafende Fluss“

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