Kultur : Einfach nur finster

Florian Eichinger stellt Missbrauchsfilm vor

Andrea Lütkewitz
Foto: Manfred Thomas

„Die Hände meiner Mutter“ ist kein Film, zu dem man Popcorn mag. Wenn es dunkel wird im Saal, wird es einfach nur finster. Zu „hart, der Stoff“, wird Hauptdarsteller Andreas Döhler am Ende der Vorführung sagen. Am Samstag lief der Film in Anwesenheit von Regisseur Florian Eichinger und Döhler im Thalia-Kino. Andreas Döhler spielt Markus, einen jungen Vater, der sich auf einer Familienfeier plötzlich daran erinnert, dass er als Kind sexuell missbraucht wurde. Nicht vom eigenen Vater, wie ein Freund später im ersten Moment vermutet, als er ihm davon erzählt. Nein, von der eigenen Mutter mit Namen Renate, gespielt von einer überragend unheimlichen, uneindeutigen Katrin Pollit.

Was sie Markus angetan hat, dämmert dem Zuschauer gemeinsam mit ihm nach und nach. So wechseln sich Bilder der Familienfeier mit schwarzem Vorspann ab, in dem alle Geräusche der Feiernden nur noch dumpf zu hören sind. Man weiß sofort, dass man sich in Markus’ Kopf befindet, dass sich etwas Bahn bricht, laut zu werden droht. Und so ist es dann auch, ausgelöst durch seinen Sohn Adam, als der von der Oma zur Toilette gebracht wird und mit einer kleinen Wunde am Kopf zurückkehrt. Was ist da passiert? Was sind das plötzlich für Bilder in Markus’ Kopf?

Für den Zuschauer ist das alles nur schwer zu ertragen – weil der Film eine Eindringlichkeit schafft, die man kaum wieder aus dem Kopf bekommt. Die Bilder deuten nur an, was der Missbrauchte erlebt hat. Dennoch ist es so, als würde man direkt daneben stehen, jede Szene wirkt natürlich. „Gib mir mal deine Hand, Markus“, sagt die Mutter in dessen anfangs noch vagen Erinnerungen. „Es ist wichtig, dass du das lernst, für später einmal.“ Genau wie der Junge, der im Bett liegend von seiner Mutter gezwungen wird, diese sexuell zu befriedigen, möchte man die Augen nicht mehr aufmachen.

Andreas Döhler spielt auch das Kind Markus, seltsam mutet das zunächst an. Aber wie sonst hätte man diese Szenen drehen können? Mit einem wirklichen Kind? Nein, das wäre nicht möglich gewesen, wie auch der Regisseur einräumt.

Für den erwachsenen Markus beginnt ein langer Leidensweg. Seine Ehe zerbricht, er vereinsamt, es dauert, bis er Hilfe findet. Ein Happy End gibt es nicht.

Sexueller Kindesmissbrauch taucht in Deutschland zwar sogar in Vorabendkrimis auf. Doch Täter sind da immer Männer. Pädophilie bei Frauen – unerzählt. Zehn bis 20 Prozent aller Missbrauchsfälle gehen auf Frauen zurück, so Eichinger. Nach seinen Filmen „Bergfest“ und „Nordstrand“ – in denen auch Männer die Täter sind – wollte er genau das zeigen. Das große Presseecho scheint diesen Erzählbedarf zu bestätigen. Im Thalia meldet sich nach Filmende ein Mann in der letzten Reihe. Nur eines wolle er dem Regisseur und allen Schauspielern sagen: Danke. Mehr nicht. Andrea Lütkewitz