Kultur : Einfach mal abheben

Australische Artisten begeistern in der „fabrik“

Astrid Priebs-Tröger

Kängurus wären vor Neid erblasst! Denn nicht nur die Sprungkraft der sieben Artisten erinnerte an die beliebten australischen Wappentiere. Sondern das Temperament, die Spiellust und der Witz der jungen Truppe „Gravity & other myths“ verzauberte am Freitag- und Samstagabend das Publikum in der „fabrik“ im Nu. Schon als die zwei Frauen und fünf Männer die Spielfläche betraten und sich im Fallenlassen übten, wusste man, dass dies ein besonderer Abend werden würde.

Mit nichts anderem als ihren durchtrainierten Körpern, einigen wenigen Requisiten und jeder Menge origineller Ideen eroberten die Artisten die Gunst des bunt gemischten Potsdamer Publikums, das ihre nur etwa zwanzig Quadratmeter große Spielfläche gleich von drei Seiten umrahmte. Die Typen mit den Springseilen bildeten da nur den Auftakt eines spannungsreich choreografierten Abends. Sie sprangen unglaublich schnell, sodass man das Gefühl haben konnte, sie würden in jedem Moment abheben.

Dass bei dieser Frequenz Patzer passieren, ist normal, aber die drei Herren machten daraus eine Pfänderspiel-Nummer, bei der am Ende einer mit splitterfasernacktem Hintern weiterspringen musste. Die jungen Australier, die aus Adelaide kommen, kennen sich aus der Zirkusschule „Cirkidz“. 2014 wurden sie mit dem Preis „Best Circus“ des Adelaide Fringe Festivals ausgezeichnet und touren seitdem mit ihrem Programm „A Simply Space“ durch die ganze Welt.

Besonderes Markenzeichen ist die exzellente Partnerakrobatik. Schon von Anfang an stehen drei Artisten blitzschnell übereinander, um genauso schnell wieder zum Boden zurückzukehren, und sich dort im Fallen, Werfen und Springen zu üben. Großartig, wie sie bei ihren komplizierten Figuren auch noch in Bewegung bleiben! Und Hut ab vor den beiden Frauen, die in luftiger Höhe ohne Netz und doppelten Boden ihrem Körper akrobatische Höchstleistungen abverlangten. Und selbst als am Schluss des einstündigen Programms kleine Patzer passierten, einfach lächelnd weitermachten.

Diese „Fehler“ machten das Ganze umso liebens- und glaubwürdiger. In diesen Passagen fühlte man sich an die vier Männer der französischen Companie „Un loup pour l’homme“ erinnert, die 2012 bei den Tanztagen ebenfalls keine perfekte Show abzogen, sondern das allgegenwärtige Scheitern witzig-philosophisch in ihre Arbeit integrierten.

Klasse auch, wie es den Australiern gelingt, immer wieder ihr Publikum einzubeziehen. Dazu trägt schon die räumliche Nähe bei. Man sitzt kaum zwei Meter von der unglaublich schnellen Performance entfernt. Gleich zu Beginn holen sich die Artisten vier Männer aus dem Publikum, die bei der schwebenden Handstandstock-Nummer, ohne zu wissen, was kommt, assistieren müssen. Dann gibt es mit Unterstützung des ganzen Saales eine großartige Bodypercussion-Nummer mit dem Percussionisten Elliot Zoerner, der die gesamte Show auch live begleitet. Fast am Schluss dürfen die zahlreich anwesenden Kinder mit Unmengen bunter Tennisbälle die Handstandartisten aus dem Gleichgewicht schießen.

Diese erfrischende Show bildete zweifellos den Höhepunkt der kleinen Neuen-Circus-Reihe, die an drei Märzwochenenden das Publikum in ganz besondere Körperwelten entführte. Die Macher der „fabrik“ haben recht, modernen Tanz in diese Richtung zu öffnen! Astrid Priebs-Tröger

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