Kultur : Eine wichtige Stimme

Die Potsdamerin Schriftstellerin Sigrid Grabner feiert heute ihren 70. Geburtstag

Die Geschichte befragen. Sigrid Grabner schreibt biografische Romane und Erzählungen.
Die Geschichte befragen. Sigrid Grabner schreibt biografische Romane und Erzählungen.Foto: Andreas Klaer

Das authentisch Überlieferte scheint für Sigrid Grabner das Primäre zu sein. Ihr Respekt vor dem Dokument ist groß. Die Potsdamer Schriftstellerin, die heute ihren 70. Geburtstag begeht, will ihre Bücher, die zumeist tief in die Historie eintauchen, jedoch nicht mit überlastiger Kultur- und Literaturwissenschaft bedenken, die letztendlich nur einen kleinen Kennerkreis interessieren würde. Gründliche Recherchen sind Voraussetzungen für ihre zumeist biografischen Romane und Erzählungen oder auch romanhaften Biografien. Dabei darf und soll die Geschichte befragt werden. Und man kann in ihr, wenn man will, auch Antworten finden.

Beispielsweise in dem letzten Buch, das von Sigrid Grabner ediert wurde, in „Im Auge des Sturms“ (Sankt Ulrich Verlag). In der großen Kirchenvater-Figur Gregor, der wider Willen im Jahre 590 zum Papst gewählt wurde. Die Klage Gregor des Großen über unsere Welt, die ihr zufällig bei einem Besuch in Rom vor Augen kam, blieb in ihr haften. Sie war eine aktuell inspirierende Quelle für das Schreiben der Biografie: „Denn alles, was wir zum Lebensunterhalt empfingen, haben wir in schuldhafter Weise missbraucht; doch alles, womit wir Missbrauch getrieben haben, wendet sich zur Strafe gegen uns. Die Friedensruhe unter den Menschen haben wir in nichtige Sicherheit verkehrt … die Gesundheit des Körpers haben wir den Lastern sichtbar gemacht …“ Sigrid Grabner spürte, dass Gregor der Große auch sie ansprach. Natürlich konnte sie die Gestalt, die vor gut 1400 Jahren lebte, nur in Unvollkommenheit begegnen. Da musste so manche Lücke der Dokumentation durch Fantasiearbeit geschlossen werden. Die Schriftstellerin vermochte es in eindrucksvoller Weise.

Wie auch schon in früheren Werken, in denen sie sich mit der Geschichte jüngeren Datums beschäftigte. Da erzählt sie in dem Erzählungsband „Hochzeit in der Engelsburg“ von italienischen Frauen, die von Machtgier besessen sind oder auch durch ihre Glaubensstärke und Liebe eine große Faszination auf ihre Zeitgenossen ausübten. Im Mittelpunkt des Romans „Traum von Rom“ steht der römische Volkstribun Cola di Rienzo und seine Sehnsucht nach Frieden. In „Christine – Rebellin auf Schwedens Thron“ entwirft Sigrid Grabner ein farbiges Bild der schwedischen Königin Christine, einer Tochter Gustav II. Adolfs, die sich der Königskrone entledigte, zum katholischen Glauben konvertierte und fortan in Rom lebte und dort auch starb.

Es fällt auf, dass in den genannten Büchern die ewige Stadt Rom oftmals Schauplatz ist. Sie ist ein Sehnsuchtsort auch für Sigrid Grabner immer geblieben, obwohl sie heute dorthin reisen könnte, wann immer sie wollte. Sie bekennt, dass dies für sie immer noch ein Wunder sei. Nicht nur ein arkadisches Leben führte sie in Rom, sondern sie hat dort auch intensiv in Archiven und Bibliotheken gearbeitet, immer für ihre Bücher.

Sigrid Grabners erfolgreichste Arbeit wurde die 1983 veröffentlichte Biografie „Mahatma Gandhi. Politiker. Pilger, Prophet“ (zuletzt erschienen in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig). Die Potsdamerin schrieb damit die erste deutschsprachige Beschreibung des Lebensweges des indischen „Apostels der Gewaltlosigkeit“. Die Autorin wurde zu vielen Lesungen in Kirchengemeinden oder Klubs eingeladen. Oftmals wurden ihr dabei Fragen gestellt wie „Was können wir tun, um gewaltlos die uns bedrückenden Verhältnisse zu ändern?“ und: „Braucht es dazu einen Gandhi? Reicht unser Mut zur Gewaltlosigkeit?“

Im Herbst 1989 gab es dann die gewaltfreie Revolution, die das Ende der DDR einläutete. Sigrid Grabner gehörte mit ihren beiden Kindern zu jenen, die den Umsturz in Potsdam hautnah erlebten, ihn auch tatkräftig unterstützten. Mit der ihr eigenen Leidenschaft nahm sie an Protestmärschen, an Diskussionen unter anderen mit den teilweise Unbelehrbaren vom Schriftstellerverband teil. „Meine Zeit war hier endgültig abgelaufen“, schreibt sie in ihrer Autobiografie „Jahrgang ’42. Mein Leben zwischen den Welten“ (Evangelische Verlagsanstalt). Natürlich schwang da auch Angst vor Verhaftung und Repressalien der Stasi mit. Sigrid Grabner berichtet anschaulich von den letzten Tagen der DDR, in denen sich eine große Anspannung löste und die Hoffnung auf Freiheit keimte.

Sigrid Grabner, die im böhmischen Tetschen geboren und von dort vertrieben wurde, studierte in Berlin Indonesienkunde und Kulturwissenschaft und arbeitet seither als freie Schriftstellerin in Potsdam. Sie war Mitbegründerin und neben Hendrik Röder Geschäftsführerin des Brandenburgischen Literaturbüros. Als Herausgeberin und Essaystin hat sie sich immer auch in die Gegenwart eingemischt. Mit ihrem wunderbaren Wärmestrom, dem Spitzentanz ihres Denkens und Schreibens ist sie eine wichtige Stimme geblieben.

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