Kultur : Eine Prinzessin als Künstlerin

Feodora, Schwester der letzten deutschen Kaiserin, lebte auf dem Krongut Bornstedt / Gedenkveranstaltung in der Kirche

Gerold Paul

Feodora, Schwester der letzten deutschen Kaiserin, lebte auf dem Krongut Bornstedt / Gedenkveranstaltung in der Kirche Von Gerold Paul Nur Spezialisten kennen sich heute noch aus in den Kreuz- und Querverbindungen deutscher Fürstengeschlechter und ihrem Rang zum verblichenen Thron der Hohenzollern. Fest steht allerdings, dass es solche Herrscher-Ansprüche auch heute noch gibt, und zwar europaweit, etwa zwischen Holstein und Norwegen, zwischen den deutschen Thronerben und den Briten. Das war auch in der Zeit von Prinzessin Feodora so, einer vergessenen Bewohnerin des Krongutes zu Bornstedt. Die dortige Kirchengemeinde war am Totensonntag entschlossen, das Bild der kunstbeflissenen Prinzessin zu entstauben, zumal sich ein datierbarer Anlass bot: 1903 erhielt Feodora das Anwesen zur Nutzung auf Lebenszeit, welche freilich schon 1910 nach einer Typhus-Erkrankung endete. Nachdem ihr Schwager Wilhelm II. seine Mutter, die „Kaiserin Friedrich“, aus Potsdam „vergraulte“, stand es leer. Die reisefreudige Dame mit den acht Vornamen wollte in unmittelbarer Nähe ihrer ältesten Schwester, Kaiserin Auguste Victoria, leben, denn 1880 stirbt der Vater, zwanzig Jahre später die Mutter. Man gestaltete ihr das Herrenhaus „bis zur Kücheneinrichtung“ um, sie bekam auch einen Logensessel in der Bornstedter Kirche, worauf Thomas Weiberg dem zahlreich erschienenen Publikum, etwas unübersichtlich, „erste Spuren“ der malenden, schreibenden und singenden Adligen vorstellte. Dazu wurden Gedichte Feodoras rezitiert, einige wenige Briefstellen gelesen. Viel Literatur über die vergessene Prinzessin gibt es bis heute nicht, Lebenserinnerungen der „Haushälterin“ Anna Wagemann, Recherchen des Bornstedter Pfarrers Domnick von 1925, weniges andere. Geboren wurde sie 1874 im Hause derer von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, wuchs aber im Niederschlesischen auf. Ihr Name Feodora verweist auf die großmütterliche Linie, die zum russischen Zarenhof führt, während ihr Vater, Friedrich Herzog von Holstein, nur deshalb auf den dänischen Thron verzichten musste, weil der Deutsch-Dänische Krieg von 1864 dies verhinderte. Sein Anspruch auf Norwegen aber blieb bestehen - der Adel hielt eben Europa zusammen. Ihre Mutter war Prinzessin Adelheid zu Hohenlohe-Langenburg. Feodora, welcher eine Schokolade (früher vom Tangermünder Fabrikanten „Onkel Herrmann“ produziert, heute Haschee) ihren Namen verdankt, blieb ihrer norddeutschen Heimat und deren germanischen Sagenkreis verbunden. Eigene Bücher, meist Lyrik, gab sie unter dem Pseudonym F. Hugin heraus, als Eloge an einen der Raben des Odins, zum anderen ein Kürzel für „Feodora Holstein“. Sie gehörte auch zum Freundeskreis Cosima Wagners in Bayreuth, wo man das Erbe des Tonmeisters pflegte. In Dresden erlernte sie die akademische Malkunst, seit 1899 verkehrte sie mit Künstlern aus Worpswede. Kein Geringerer als Fritz Mackensen trieb ihr die Akademie zugunsten des „moderneren Malens“ aus, er war häufig Gast auf dem Krongut, ihr Lehrer. Es soll über 800 Bilder aus ihrer Hand geben. 1906 aber wandte sie sich wieder der Schriftstellerei zu, worin sie ihre eigentliche Berufung sah, denn fast prophetisch sagte sie: „Auch eine Prinzessin muss lernen, ihr Brot selbst zu verdienen“. Die wenigen Kostproben am Sonntag reichten aber nicht aus, um festzustellen, ob die Zeit ihre Lyrik auch trägt; man hatte eher den Eindruck, als sei es der Prinzessin eher wie der gleichfalls dichtenden und malenden Königin von Rumänien deutscher Herkunft, Elisabeth zu Wied alias Carmen Silva, ergangen. Vielleicht, so Weiberg, habe sie auch in der Kunst nur Trost gesucht. Jedenfalls pflegte sie auf dem Krongut Bornstedt enge Kontakte zu den damals bekannten Autoren Gustav Frenssen, Ludwig Barthel und Heinrich Sohnrey, gleichwohl es dem Referenten, wie schon bei Wagner, nicht wohl war, diesen heimatbewussten, teils „völkischen“ Dichtern, Raum zu geben. Sie reiste viel, obwohl sie lebenslang kränkelte. Man sagt ihr Frömmigkeit nach, so sehr, dass sie sogar die Predigten von Pastor Simon zu Bornstedt kritisierte. Eine Bildcollage des Dresdener Malers Otto Mayer, dem Publikum vorgestellt, zeigt sie revers, den Kopf keck herumgedreht, dem Betrachter zu, ringsum die Stationen ihres Lebens. Es wurde nach ihrem Tod Auguste Victoria übergeben, musste mit ins niederländische Exil, nach Doorn, und kam schon 1921 als Legat nach Bornstedt zurück, eine eigene Geschichte. Feodora reiste 1910 kränkelnd nach Italien, bei ihrer Rückkehr verstarb sie im schwarzwäldischen Hochfelden. Beerdigt war sie auf niederschlesischem Besitz, doch Schloss Golitz brannte 1945 aus. Was auf ihrem Grab geworden ist, weiß man nicht, die Grabplatte freilich blieb unversehrt.