• Eine meisterliche Klasse Abschlusskonzert der Fischer-Sommerakademie

Kultur : Eine meisterliche Klasse Abschlusskonzert der Fischer-Sommerakademie

Babette Kaiserkern

Kenner wissen es schon länger: Das Abschlusskonzert der Edwin-Fischer-Sommerakademie ist stets ein besonderer Höhepunkt im nicht eben armen Musikleben von Potsdam. Während üblicherweise ein Klavierabend von einem einzigen Pianisten bestritten wird, gibt es in der Orangerie von Schloss Glienicke die seltene Gelegenheit, gleich mehrere Meisterpianisten anzuhören. Die unterschiedlichen künstlerischen Charaktere verliehen dem Konzert am Sonnabend eine ganz spezielle Note. Dabei sind alle Teilnehmer hochbegabte Talente, so auch bei der diesjährigen Meisterklasse, die von Alexander Untschi zum sechsten Mal und auf rein privater Basis organisiert wurde.

Erneut kamen elf handverlesene Klavierschüler aus aller Welt nach Potsdam, um diesmal mit Pascal Nemirovski, Professor an der Royal Academy of Music in London, eine Woche lang intensiv zu studieren. Dafür standen zwei Bechstein-Flügel in der Orangerie bereit. Zum unerlässlichen Üben durfte in der Städtischen Musikschule gespielt werden oder, wenn möglich, in den Gastfamilien. Dass beim Konzert am Samstag wie üblich nur einige Teilnehmer auftreten durften, rief bei manchen Gasteltern ein bisschen Unmut hervor. Doch es mag gute Gründe für diese Entscheidung geben. So hätte das ohnehin schon über zweistündige Konzert womöglich doppelt so lange gedauert und man wäre bis Mitternacht in der fast stockdunklen Orangerie sitzen geblieben.

Nur zwei Lampen beleuchten die Klaviatur, vor der als erster Andrey Ivanov Platz nimmt. Der 25-jährige Weißrusse spielt die Polonaise Fantasie op. 61 von Fréderic Chopin zunächst tastend, suchend, dann zupackend und bringt das Polonaisenmotiv unter dem dichtem Geröll der glitzernden Läufe und energischen Akkorde immer wieder deutlich ans Tageslicht. Dagegen gelangt mit der Musica Ricercata von György Ligeti ein selten zu hörendes Werk aus dem Olymp der Klavierkunst zu Gehör. Es wird von der 1993 geborenen Lena Napradean aus Rumänien mit bewundernswürdiger Klarheit, Präzision und Gestaltungskraft gespielt.

Vom ersten Stück an, das bis kurz vor Schluss nur einen einzigen Ton verwendet, bis zum elften Stück, das alle zwölf Töne der Tonleiter einsetzt, baut die junge Pianistin die komplexen kurzen Stücke sukzessive spannungsvoll auf. Mindestens ebenso großartig wirkt die Interpretation von Franz Liszts berühmter h-Moll-Sonate. Der zierlichen Renata Konyicska würde man kaum die nötige Kraft zutrauen, um diesen fast 30-minütigen „Himalaja der Klavierliteratur“ zu ersteigen. Doch der 24-jährigen Ungarin gelingt eine unerhört plastische, geschlossene Wiedergabe. Man sieht scharfe, schroffe Felswände, tosende Lawinen und abgründige Gletscherspalten, Blitzlichter auf Schneefeldern, himmlisches Blau und das alles vom unerbittlichen Pochen des Klopfmotivs untermalt.

Hätte es auch in diesem Jahr einen Publikumspreis gegeben, dann hätte den wohl der Schweizer Louis Schwizgebel erhalten. Für sein mustergültig ausbalanciertes, apollinisch reines, subtil phrasiertes Spiel der Drei Sonette nach Petrarca von Franz Liszt erhält er den meisten Beifall. Zum Finale liefern sich Daniel Lebhardt und Andrey Ivanov am zweiten Klavier einen wilden Ritt durch die kubistischen Tonlandschaften von Sergey Prokofjews Klavierkonzert Nr. 2. Herzlicher Beifall belohnt alle elf Teilnehmer bei der Übergabe der Diplome durch den ob dieser fruchtbaren Klavierwoche höchst erfreuten Pascal Nemirowski. Alexanders Untschis Meisterkurskonzerte werden wohl nicht mehr lange ein Geheimtipp bleiben. Babette Kaiserkern

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