Kultur : Eine Kopfgeburt

„11 Frauen“ redeten in dem gleichnamigen Stück in der fabrik mehr, als sie tanzten

Astrid Priebs-Tröger

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das zeigte sich am Wochenende überdeutlich in der Premiere von „11 Frauen“, einem Tanzprojekt, das die Choreografinnen Sabine Chwalisz und Malgven Gerbes jetzt im dritten Jahr in der fabrik betreuen. Während die beiden Vorgängerprojekte mit Körpersprache, Sinnlichkeit und Poesie überzeugten, hatten diesmal eindeutig die Worte den Vorrang. Das machte die Inszenierung, die um das Thema „Heimat“ kreisen wollte, über weite Strecken konzeptionell und trocken.

Das begann schon am Anfang, obwohl der Empfang durch die Tänzerinnen hinter der Eingangstür herzlich war; einige von ihnen brachten die Besucher sogar bis an ihren Platz. Danach traten sie kurz nacheinander vor eine Videokamera, in die sie die ersten Worte sagten. Die Karten, die sie dazu in die Kamera hielten, zeigten Sehnsuchtslandschaften oder konkrete Urlaubsorte. Die Idee, die Frauen auf diese Art zu Anfang auf einer großen Leinwand zu porträtieren, ist an sich nicht schlecht. Aber wenn es Laien mit wenig Bühnenerfahrung dann an darstellerischer Präsenz mangelt, trägt so etwas zu deren Verunsicherung bei oder verpufft einfach. Einigermaßen ‚sicher‘ schien sich die Einzelne erst in der Gruppe zu fühlen, als diese am Tisch auf der rechten Bühnenseite Platz genommen hatte.

Aus dieser Gemeinschaft heraus begann die eigentliche 45-minütige Aufführung, die keinen fortlaufenden Faden spann, sondern wie eine ausschnitthafte Rekonstruktion des gesamten Probenprozesses wirkte, der sich über zehn Wochenenden eines Jahres hinzieht und sich diesmal neben der Körpersprache sehr stark dem geschriebenen Wort widmete. Malgven Gerbes hatte die Tänzerinnen animiert, wie die Dadaisten automatisch zu schreiben und zu Themen wie Heimat frei zu assoziieren. Aber der Vortrag dieser Texte blieb spröde und in seiner Wirkung hinter den beiden größeren Tanzsequenzen zu Tangomusik zurück.

Während hier die Körper der Frauen zwischen 40 und schätzungsweise 65 Jahren ihre vom Leben eingeschriebenen Erfahrungen wie von selbst preisgaben, wirkten die Texte zumeist verkopft. Das mag auch an der mangelnden Sprecherfahrung liegen; es ist jedoch den Choreografinnen und nicht den Darstellerinnen anzulasten. Wie spannend hätte es sein können, Bewegungssequenzen zum Thema Heimat oder Zuhause, Wurzeln oder Gebundensein zu (er)finden, stattdessen gab es im Mittelteil der Inszenierung ein getanztes Bilderrätsel, bei dem das zugrunde liegende Originalbild von Edward Hopper vom Publikum erraten werden sollte.

Das wirkte genauso konzeptionell wie eine weitere Bewegungssequenz, die ein Paar Äpfel nachbilden oder schließlich die Aktion, bei der ein Mann aus dem Publikum ein Postkartenmotiv tanzend darstellen sollte. Einzig die tänzerische Umsetzung eines Textes – eine Frau aus der Tischgruppe tanzte expressiv die Wut des Buchstaben M, der ja sowohl für Mutter oder Mitte stehen kann – machte neugierig. Ansonsten wirkten die Sequenzen zusammenhanglos, zum Teil redundant oder an den Haaren herbeigezogen.

Schade, dass diesmal so eindeutig zugunsten des Wortes gearbeitet wurde. Das mag am Ringen um inszenatorische Originalität liegen, kann aber auch damit zusammenhängen, dass fast die Hälfte der Protagonistinnen nicht zum ersten Mal dabei war. Es scheint ratsam, jemanden aus dem Bereich darstellendes Spiel ins Team zu integrieren. Allerdings wäre es bedauerlich, das tänzerische Potenzial, das in den Körpern der Frauen unzweifelhaft vorhanden ist, nicht weiter ans Licht zu heben und in seinen vielgestaltigen Facetten wirken zu lassen. Astrid Priebs-Tröger

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