Kultur : Eindringlich

Zehn Potsdamer lesen vom Krieg

Astrid Priebs-Tröger

Drei Generationen liegt der Krieg in Deutschland inzwischen zurück. Doch noch immer kann man seine Narben in der Architektur der Städte und in den Herzen und Hirnen der Menschen aufspüren. Und es gab und gibt in Europa und der Welt in den vergangenen sieben Jahrzehnten unzählige Kriege, die uns mittel- und unmittelbar betreffen. Ein Konzert der Band Strom und Wasser, die Asylbewerber integriert, war für die Potsdamer Theaterpädagogin Gela Eichhorn der Anlass, sich mit dem Text der dänischen Autorin Janne Teller zu befassen und daraus eine Lesung mit zehn Potsdamern aus drei Generationen zu entwickeln.

Die Premiere von „Wenn bei uns Krieg wäre. Wohin würdest du gehen?“ fand am Mittwochabend in der Aula der Leonardo-da-Vinci-Gesamtschule statt. Im Saal herrschte großer Andrang, besonders viele junge Menschen kamen zu dieser Lese-Inszenierung, die sich als eindringliches Gedankenexperiment verstand. Der Kontrabassist Jaspar Libuda assoziierte mit seinen teilweise improvisierten Klängen zu Beginn des Abends eine zwar spannungsreiche, aber noch friedliche Stimmung. Es lief einem ein Schauer über den Rücken, als da hinein eine Stimme aus dem Off fragte: „Wenn bei uns Krieg wäre, wohin würdest du gehen?“

Dann setzten sich fünf Frauen und fünf Männer im Alter von 15 bis 63 Jahren nebeneinander an eine lange Tafel und lasen aus Janne Tellers Buch, in dem sie beschreibt, dass Europas Demokratien zusammengebrochen sind und zwischen einstigen Freunden ein unerbittlicher Hass entbrannt ist. Plötzlich steht man selbst vor der Situation, flüchten zu müssen. Doch in Ägypten ist man ein Flüchtling aus Westeuropa, für den es keinen Platz gibt, weil ihn niemand haben will.

Während einen die anfängliche puzzleartige Beschreibung des Kriegsalltages noch einigermaßen unberührt lässt – wahrscheinlich ist man zu abgeklärt durch die tägliche Medienberichterstattung –, greifen einen die konkreten Fluchtvorbereitungen und die spätere Ankunft in Ägypten wirklich an. Dazu trägt nicht nur die den ganzen Abend einfühlsame musikalische Begleitung von Jaspar Libuda bei, sondern auch die räumlichen Veränderungen, in die die Regie von Gela Eichhorn das Publikum direkt miteinbezieht. Aus der geordneten Leserinnenreihe wird ein eng zusammengerückter Kreis, zu dem sich das gesamte Publikum mittels Stuhlrücken neu ausrichten muss.

Dieser kollektive Blickwechsel ermöglicht auch einen persönlichen Perspektivwechsel. Die Ankunft in Ägypten löst Erfahrungen aus, die tief im kollektiven Unbewussten gespeichert sind. Die Fremdheit und das Verlorensein schnüren einem buchstäblich die Kehle zu und eröffnen, wenn man sich aus dieser Emotion wieder befreit hat, aber auch die Möglichkeit, andere, denen es heute so ergeht, zu verstehen. Empathiefähigkeit zu entwickeln ist auch ein Ziel dieses Projektes, das unter anderem zur besseren Nachbarschaft und Integration von Flüchtlingen in Potsdam-West einen Beitrag leisten will. Langanhaltender Beifall zeigte den zehn Lesenden mit ihren sehr unterschiedlichen, auch äußerlich sichtbaren Biografien, dass sie den Nerv des Publikums getroffen haben. Und für Gela Eichhorn, die das erste Mal mit Menschen verschiedener Generationen ein Lese-Projekt erarbeitete, war es wichtig, auch den Austausch zwischen diesen zu ermöglichen und zu befördern. Astrid Priebs-Tröger

Wieder am Montag, dem 20. Mai, 19 Uhr, Leonardo-da-Vinci-Gesamtschule, Haeckelstraße 72. Der Eintritt ist frei

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