Kultur : Ein Vergnügen

Marie Gloede erzählte Märchen über die Musik

Astrid Priebs-Tröger

Märchen nähren die Seele. Von Kindern und Erwachsenen. Und weil das so ist, war am Samstagnachmittag die Dachterrasse des Pomonatempels auf dem Pfingstberg dicht besetzt. Knirpse, Eltern und Großeltern waren unter die blau-weiß gestreifte Markise gekommen, um in der Reihe „Kultur in der Natur“ der Märchenerzählerin Marie Gloede zu lauschen. Sie hatte mehrere Geschichten, die von der Kraft der Musik künden, im Gepäck.

Doch bevor es so weit war, verteilte die agile Frau, die seit über zwanzig Jahren selbst Großmutter ist und sich nach ihrem aktiven Arbeitsleben entschied, auch noch etwas für die eigene Seele zu tun, Goldstaub an die Besucher. Der wirkt auf der linken Hand angeblich am schnellsten auf das Herz ein und öffnet es für den Zauber der Geschichten. So märchenhaft ausgestattet begann Marie Gloede, die wie eine äußerlich jung gebliebene, innerlich mit Altersweisheit ausgestattete Fee wirkt, ihren Zuhörern mit wenigen Sätzen zu erklären, dass die ältesten Instrumente kleine Pfeifen waren, die zumeist von Hirten geschnitzt wurden, um der Langeweile beim Hüten Herr zu werden.

Und weil es damals fast wie ein Wunder wirkte, einem einfachen Stück Holz Töne zu entlocken, rankten sich um solche Begebenheiten wiederum rasch Geschichten, die die Schöpfer solcher Instrumente und vor allem ihre Meisterschaft, diese zum Klingen zu bringen, als wundersame Kräfte priesen. So erzählte Marie Gloede von Spielmännern, die Tiere zum Tanzen oder traurige Prinzessinnen zum Lachen brachten, hungrige Wölfe in die Flucht schlugen oder das Herz böser Könige erweichten.

Da die Spielmänner allein durch die Kraft der Musik ganz unglaubliche Abenteuer erleben und für ihre künstlerische und menschliche Meisterschaft – zumeist mit der Hand einer Königstochter – reich belohnt wurden, eignen sich derartige Geschichten auch gut als pädagogischer Fingerzeig. Derer hatte Marie Gloede noch einige im goldglitzernden Gepäck. Und es ist schön, wenn solche Aussagen wie „Was man versprochen hat, muss man halten“ spielerisch vermittelt und von den Kindern bereitwillig aufgenommen werden.

Weil Marie Gloede nicht nur äußerlich eine moderne Großmutter ist, achtete sie auch darauf, dass an diesem Erzählnachmittag nicht nur Geschichten von starken empfindsamen Jungen, sondern auch von klugen selbstbewussten Mädchen erzählt wurden. Beispielsweise jene von dem Hirtenmädchen Klein-Mette, das sich den norwegischen Königssohn zum Mann gewünscht und auch genommen hat. Und sich seiner selbst dabei so sicher war, dass es die Konkurrenz mehrerer reicher und schöner Prinzessinnen nicht im Ansatz fürchtete. Auch in unseren aufgeklärten und scheinbar gleichberechtigten Zeiten sind solche Geschichten in ihrer nährenden Wirkung auf heranwachsende Mädchen nicht zu unterschätzen.

Das Gleiche gilt für das gemeinsame Singen. Während die moderne Hirnforschung dessen Potenzial für das kindliche Hirnwachstum und auch im Kampf gegen Alzheimer entdeckt hat, praktiziert es die Märchenerzählerin Marie Gloede ganz selbstverständlich zwischen den erzählten Geschichten. Sie geht mit gutem Beispiel voran und singt, so wie sie es vermag. Und gerade deshalb gelang es der Märchenerzählerin an diesem Nachmittag auf dem Pomonatempel, Kinder und Erwachsene ohne die sonst typischen Berührungsängste zum Mitsingen zu animieren. Astrid Priebs-Tröger

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