• Ein neues Buch von Lutz Seiler: Hinter Wilhelmshorst das Meer

Ein neues Buch von Lutz Seiler : Hinter Wilhelmshorst das Meer

Der Buchpreisträger Lutz Seiler stellt heute in der Potsdamer Villa Quandt sein jüngst erschienenes Büchlein „Am Kap des guten Abends“ vor. Es versammelt acht zauberhafte Bildgeschichten.

Rik Wouters’ „Flötenspieler“ (1912) hing einige Zeit über dem Arbeitsplatz von Lutz Seiler in dessen Berliner Küche.
Rik Wouters’ „Flötenspieler“ (1912) hing einige Zeit über dem Arbeitsplatz von Lutz Seiler in dessen Berliner Küche.Foto: Royal Museums of Fine Arts of Belgium

Für Lutz Seiler beginnt hinter Wilhelmshorst die Küste. Wen wollte das überraschen? Lutz Seiler findet auch Peter-Huchel-Gedichte in Bäumen und Gott in einem Trafohaus. Lutz Seiler hat diesen Blick, der die Gegenstände, die ganz realen Weltschnipsel, die ihn umgeben, von Innen belebt. Der sieht, was ist, und gleichzeitig sieht, was in ihm selbst ist – oder mal war. In verdichteter Form, und wenn genug Zeit vergangen ist, wenn das Material lang genug gehangen hat – wie eine Wurst, so beschrieb Seiler das mal – wird das Gesehene zu Lyrik. Wenn weniger Zeit ist, vielleicht zu einem Essay.

Ein soeben im Insel Verlag erschienenes, nicht weniger als zauberhaftes Büchlein versammelt nun einige solcher Texte, von denen sich vermuten lässt, dass sie nicht ganz so lange hingen. Was nicht heißen soll, dass hier nichts verdichtet oder irgendetwas hingehuscht worden wäre. „Am Kap des guten Abends“ ist ebenso fein gearbeitet wie die Lyrik und die Prosa Lutz Seilers – mit dem Bonus, dass zwischen den acht Texten Zeit zum Luftholen und Gedankenschweifenlassen ist.

Der Autor Lutz Seiler lebt im Wilhelmshorster Peter-Huchel-Haus und in Schweden.  
Der Autor Lutz Seiler lebt im Wilhelmshorster Peter-Huchel-Haus und in Schweden.  Foto: Andreas Klaer

Eine Prise der neumodischen Zeit

Und zum Genauhinsehen-Üben auch. „Acht Bildgeschichten“ heißt das Bändchen im Untertitel. Neben Seilers Geschichten und Essays sind hier auch die Bilder versammelt, von denen die Texte ausgehen. Als Erster schaut einem Pieter Coddes „Bildnis eines Mannes mit Uhr“ von 1633/34 entgegen. Ein bisschen von oben herab, ein bisschen melancholisch. In der rechten Hand hält er, mit spitzen Fingern, eine aufgeklappte Taschenuhr. In dem zugehörigen Text, entstanden 2013 für Elke Schmitters und Hanns Zischlers Publikation „Galerie der Namenlosen“, beschreibt Seiler diese Uhr aus der Sicht des Porträtierten als „eine Art Schmuck, ähnlich einer Schnupftabakdose, aus der man ab und zu etwas schnupfte, eine Prise dieser neumodischen Zeit, falls sie genießbar wäre“. Die Kunst Seilers ist es, die „neumodische Zeit“, den aufbrausenden Kapitalismus, anhand dieses Objekts zu porträtieren: über die glänzende Hülle, die Zeit als neue Währung – und die Sehnsucht des Einzelnen, in all dem etwas Lebendiges auszumachen. Bei Seiler ist das eine für die Uhr verwendete Schweineborste.

Das unerhörte Voranbrausen von Lebenszeit, die menschliche Unmöglichkeit, damit Schritt zu halten, der Versuch, durch Sprache diesem Vormarsch Einhalt zu gebieten, ihm im besten Fall zuwiderzulaufen – das sind Themen, die durch das ganze Büchlein mäandern. Sei es im Betrachten einer Straßenszene von Robert Häusser 1959, eines streunenden Hundes von Susanne Schleyer von 1995 oder eines bröckelnden Waschraums von Naomi Schenk aus dem Jahr 2009. Oder eine dieser einsamen, bedrohlich anmutenden Szenen, die Edward Hopper in den 1930er Jahren malte. „Cape Cod Evening“ heißt ein Bild von ihm, eine Postkarte davon hing über dem Schreibtisch von Lutz Seiler, als er Mitte der 1990er von Berlin nach Wilhelmshorst zog – wo für ihn, den gebürtigen Thüringer, als Kind die Küste begann.

Viele der Texte sind autobiografisch, einige poetologisch zu lesen

Weil Lutz Seiler beim Bildbeschauen auch immer nach Innen guckt, sind viele der hier versammelten Texte autobiografisch, einige auch unverhohlen poetologisch zu lesen – als Beschreibungen des Schreibvorgangs selbst. „Der Flötenspieler“ zum Beispiel, nach dem gleichnamigen Gemälde von Rik Wouters (1912). Es hing bei Seiler in der Küche, als er noch in Berlin lebte. Das Gemälde zeigt einen Flötenspieler, der nicht spielt; der Text beschreibt einen Autor, der darauf wartet, dass sein Text reift. Wie der Flötenspieler schweigend sitzt, schreibt Seiler, „so konnte ich (...) sein Bild betrachten und Einkehr halten in ein Versprechen für später“. Das ist der Zauber dieses Büchleins: „Am Kap des guten Abends“ weckt eine unbändige Lust auf eine ebensolche Einkehr. Darauf, das Dahinter zu sehen, das der Alltag und seine Dinge bergen. 

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Lutz Seiler liest am heutigen Donnerstag um 20 Uhr, auf Einladung des Brandenburgischen Literaturbüros in der Villa Quandt, Große Weinmeisterstr. 46/47, aus seinem neuen Buch


— Lutz Seiler:

Am Kap des guten Abends.

Acht Bildgeschichten. Insel Verlag

Berlin 2018,

68 Seiten, 15 EUR.

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