• Ein melancholischer Zupacker Lesung zu Ralf-Günter Krolkiewicz

Kultur : Ein melancholischer Zupacker Lesung zu Ralf-Günter Krolkiewicz

Astrid Priebs-Tröger

Der 25. Jahrestag des Mauerfalls wird dieses Jahr, das Jahr der Jubiläen und Gedenktage, eine große Rolle spielen. Am Donnerstagabend fand deshalb in der Reihe „Menschen unter Diktaturen“ in der Gedenkstätte Lindenstraße eine Lesung von Texten des Potsdamer Autors, Schauspielers und Intendanten Ralf-Günter Krolkiewicz statt, der 1984 wegen seiner systemkritischen Texte von der Staatssicherheit der DDR verhaftet und ein Jahr später in den Westen abgeschoben wurde. Krolkiewicz kehrte nach der Wende nach Potsdam zurück und war von 1997 bis 2004 Intendant des Hans Otto Theaters. 2008 erlag er, erst 52-jährig, seiner Parkinson-Erkrankung.

Seine Gedanken zum Thema Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit stellte Ines Geipel, ehemalige DDR-Leistungssportlerin und heute selbst Autorin und Herausgeberin, an den Beginn ihrer Lesung. Krolkiewicz beschreibt die Aufarbeitung als persönlichen Prozess, den er nur zögerlich öffentlich machte, als ein Geflecht aus Verweigern und zögerndem Bewusstwerden, Verdrängen und schließlich – Zweifel inklusive – Verarbeitung. Und sie zitierte Krolkiewicz, der „bewusst und voller Absicht“ reingeschlittert sei in diesen Prozess, „voller Gewissheit und Ahnung“. Doch diese Einsicht war ihm selbst erst mit dem Abstand von zwanzig Jahren möglich.

Weggefährten wie der Buchhändler Carsten Wist, der ebenfalls zur Lesung am Donnerstagabend gekommen war, beschrieben den jungen Schauspieler als euphorischen, ungestümen Mann, der während der folgenschweren Lesung 1984 im Club „Spartacus“ völlig in der emotional aufgeladenen Situation aufging und alle Vorsicht vergaß. In seinen Texten, die anfangs vor allem um die kleinbürgerliche Enge seiner Herkunft kreisten und später ein atmosphärisch dichtes Bild der Potsdamer Künstler- und Intellektuellenszene der beginnenden 80er-Jahre zeichneten, zeigte sich Krolkiewicz vor allem als sprachmächtiger Analyst dieser bleiernen letzten DDR-Jahre.

Ein Thema, das ihn von Anfang an bewegte, war die Einsamkeit und Sprachlosigkeit von Menschen. Auch ihn selbst habe, so Ines Geipel, eine traurige Einsamkeit umgeben. Seine Melancholie aber habe sich immer wieder mit zupackender Direktheit abgewechselt. Nach seiner Parkinson-Diagnose zog er sich zwar vom Theater zurück, fiel aber in einen regelrechten Schreib- und später auch Malrausch. Dessen Ergebnisse beeindrucken noch heute: Zwei Dutzend Zuhörer in der Gedenkstätte Lindenstraße konnten sich anhand der bildmächtigen Texte von „Taubenscheiße“ und „Mein Taubentraum“ davon überzeugen. „Es war nicht einfach an seiner Seite – aber großartig“, sagte Carsten Wist, langjähriger Freund und persönlicher Referent von Krolkiewicz während dessen Zeit als Intendant am Hans Otto Theater.

Wist hält vor allem Krolkiewicz’ Theater-Texte für besonders gelungen. Auch Schauspieler liebten diese Texte, sagt Ines Geipel, die an der Schauspielschule Ernst Busch lehrt. Trotzdem: Die Uraufführung von Krolkiewicz’ „Herbertshof“ am Hans Otto Theater liegt mittlerweile neun Jahre zurück – Wist regte deshalb an, sich dort wieder mit Krolkiewicz zu beschäftigen – damit er nach seinem frühen Tod nicht in Vergessenheit gerate.

Astrid Priebs-Tröger

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