Kultur : Ein Märchenfeuerwerk

Die 2. Märchennacht im T-Werk bot ein buntes Potpourri für kleine und große Theaterfreunde

Astrid Priebs-Tröger

Erst kurz nach zehn verließ der fünfjährige Junge in der gestreiften Strickweste mit seinem Vater den Ort des Geschehens. Davor hatte er sechs Stunden Gelegenheit gehabt, an drei verschiedenen Spielorten sieben sehr unterschiedliche Märcheninszenierungen zu erleben: Vom „Kleinen Häwelmann“, über die „Wilden Schwäne“ bis hin zum „Hobbit“. Verpasst hat er nur den an diesem Abend zuletzt gespielten „Zaren Saltan“.

Mit Märchen passiert oft das Gleiche wie mit einem Feuerwerk. Kleinere Kinder sind total fasziniert, Halbwüchsige probieren es selbst aus und die meisten Erwachsenen bekommen leuchtende Augen. Auch wenn die Zutaten oft profaner Natur sind. Was man aus den klassischen Märchenmotiven – Einsamkeit und Angst, Mord und Totschlag, Hitze und Kälte, bösen Stiefmüttern und gutgläubigen Vätern – machen kann, zeigte die 2. Lange Nacht der Märchen im T-Werk, die unter dem Motto „Verwunschene Zeit“ ihren Fokus auf Kunstmärchen gerichtet hatte.

Die Veranstaltung bot bis Mitternacht ein prächtiges Feuerwerk der Klangfarben, Spielformen und Stilrichtungen: Papiertheater mit Harfenmusik aus Magdeburg, Machandelboom-Erzählung in Hochdeutsch und Platt aus Potsdam oder die verrückten Texte von Oskar Panizza kontrastiert mit Musik des Mittelalters aus Berlin. Und nicht zu vergessen das wilde Figurentheater aus Leipzig mit seiner großartigen Bilbo-Beutlin-Geschichte und auch nicht der schaurig schöne Totentanz des augenscheinlich aus Japan stammenden Schwefelholzmädchens. Da konnte man die „Fehlzündung“ des Pucks aus der Zwergengeschichte ganz schnell vergessen: Die Kinder wollten mehr Aktion, als die vorgetragene Geschichte bot, die Erwachsenen mehr Spannung.

Die bekamen sie dann auch, sei es bei der rasanten Traumreise des Potsdamer T-Werk-Häwelmanns oder in der liebevoll illustrierten und sehr beweglichen Papiertheatergeschichte um Elisa und ihre in Schwäne verwandelten Brüder von Puppenspielerin Therese Thomaschke.

Sehr ungewöhnlich kam die Grimmsche Mär vom Machandelboom daher: Eine Frau und zwei Männer kochen in einer WG-Küche gemeinsam Fischsuppe. Dabei erzählt die Frau, fast wie nebenbei, die grausige Geschichte von dem kleinen Jungen, der von seiner Mutter geschlachtet, von seinem Vater gegessen und von seinem Schwesterlein begraben wird. Die währenddessen in Echtzeit entstehende Fischsuppe hätte dem Publikum im Halse stecken bleiben müssen, war aber sehr köstlich und eine durchaus willkommene Stärkung. Kompliment für Suse Weiße als Köchin und Erzählerin und die willigen Helfer und experimentierfreudigen Musiker Udo Koloska und Gottfried Rözsler aus Potsdam.

Aufgewärmt und gesättigt begegnete man dann einem grantigen Hobbit, der sich mit leerem Magen und ziemlich unwillig auf eine abenteuerliche Reise durch die Dunkelheit und viele Gefahren begeben musste. Großartig wie zwei Schauspieler (Florian Feisel und Michael Vogel) unzähligen Puppen, Figuren und Marionetten Leben einhauchten, den wundersamen Kosmos der Tolkienschen Geschichte entstehen ließen. Hier kam auch echte Pyrotechnik zum Einsatz, die dann einen der letzten Vierjährigen verschreckte und doch noch zum Nachhausegehen bewog.

In einer anschließenden Aufführung konnten sich Märchenliebhaber der besonderen Art an den mehr als skurrilen Texten Oskar Panizzas (1853-1921) ergötzen: Ein „quittengelber Körnerregen“ aus Gold ging auf einen Springbrunnenplatz nieder und hob die Welt von einem Moment zum anderen aus den Angeln. Eine leichenfressende Prinzessin wurde von einem Schneider von ihrem Leiden erlöst. Und in einer Menschenfabrik waren die heutigen Möglichkeiten der Biotechnologie bereits in die Serienproduktion überführt. Der helle Wahnsinn, starr vorgelesen von zwei Schauspielern (Dominik Stein und Timo Sturm), wirkungsvoll in Kontrast gesetzt mit mittelalterlicher Musik, interpretiert von der Sopranistin Juliane Sprengel und dem Berliner „Ensemble Alta Musica“.

Der fünfjährige Junge in der gestreiften Weste saß nun nicht mehr mit seinem Vater im Publikum, als die Puschkinsche Zarenstory über die Bühne ging. Die bis zum mitternächtlichen Schluss ausharrenden Zuschauer kamen auch bei dieser Robinsonade, die gleichzeitig Kriminalgeschichte und Zaubermärchen war, voll auf ihre Kosten.