Kultur : Ein Leben in Fragmenten

Der Potsdamer Kunstverein entdeckt den Berliner Expressionisten Gustav Heinrich Wolff neu

Richard Rabensaat
Zarte Farbigkeit.
Zarte Farbigkeit.

Massige Figuren hat Gustav Heinrich Wolff aus dem Stein gehauen. Häufig Frauen, häufig an mythologische Themen angelehnt. „Es ist erstaunlich, wie breit die Bildung war, die er sich angeeignet hat“, sagt Andreas Hüneke über den expressionistischen Künstler. Hüneke ist der Vorsitzende des Potsdamer Kunstvereins, der in der „Gute Stube“ in der Charlottenstraße derzeit mit einer Ausstellung an den Berliner Künstler erinnert.

Wolff habe die Schule nicht abgeschlossen und sich seine umfangreiche Bildung selbst erarbeitet, berichtet Hüneke. Als Kunsthistoriker hat er vieles von dem zusammengetragen, was von dem 1934 verstorbenen Bildhauer Wolff noch erhalten geblieben ist. Hünekes Arbeitsschwerpunkt liegt bei der von den Nazis so getauften „entarteten Kunst“, wozu auch diejenige Wolffs zählt. Vorwiegend sind Zeichnungen und Drucke im Potsdamer Kunstverein zu sehen. Der größte Teil des Werkes von Wolff sei zerstört oder nicht mehr auffindbar, bemerkt Hüneke. Aber auch die noch erhaltenen Teile des Werkes erfahren nicht immer die Wertschätzung, die ihnen eigentlich gebühren würde. Der „liegenden Erda“ einer Grabfigur, die Wolff für die Familie Kirchbach im Jahre 1930/31 schuf, hat man Mund und Nase abgeschlagen. Der Stein der Skulptur wurde nach dem Krieg kurzerhand in eine Mauer eingebaut, da störte das Kunstwerk nur. Auch heute lagern noch einige Skulpturen in Depots von Museen. Vermutlich befinden sich zudem Zeichnungen unentdeckt in Privatbesitz.

Fragmente von Tagebüchern des Bildhauers sind erhalten. Sie geben einen Eindruck von einem Leben, das von einer großen Sehnsucht nach künstlerischer Erfüllung und der Suche nach neuen Wegen geprägt war, aber doch zu früh endete. Der 1886 in Barmen geborene Bildhauer war der Sohn eines beamteten Rates und einer Lehrerin. Wolff habe sein Elternhaus als engstirnig und frömmlerisch empfunden, sagt Hüneke. Der Künstler Wolff wollte hinaus in die große, weite Welt und unternahm zahlreiche Reisen in entfernte Länder: Frankreich, Spanien, Marokko, Rumänien, Russland. In Russland übernahm er 1931 die Leitung einer Bildhauerklasse an der staatlichen Akademie, verließ das vom Terror Stalins geprägte Land allerdings schon 1933 wieder. Euphorisch war er dorthin aufgebrochen: „Hier bin ich, im Land der Millionen – wo über allem noch der Schatten Lenins lagert. Ich will entscheidenden Teil haben am Aufbau eines neuen Kunsttyps, der sozialistischen Kunst.“ Dass Kunst keinem politischen Diktat folgt und sich nur in Freiheit auch frei entfalten kann, musste Wolff dann allerdings genauso erfahren wie etliche andere Künstler, die mit dem Konstruktivismus Anfang der 1920er-Jahre in Russland eine ganz neue Kunst schaffen wollten. „Es ist schwer, sich reinzuwaschen von der Verschmutzung, die ich als Künstler in Russland erlitt“, stellte er nach seiner Rückkehr nach Deutschland fest. Schließlich gelangte er 1933 zu der Erkenntnis: „Ich bin, mit meiner Spannweite und meinen Konflikten, ein echter Deutscher, dies habe ich erkannt“, was ihm allerdings dennoch keine Sympathien der aufkommenden nationalsozialistischen Herrschaft einbrachte. 1934 starb er an einem Herzleiden.

Wolff war zweimal verheiratet. Mit seiner ersten Frau, Kate Freundlich, hatte er drei Kinder, eines davon starb kurz nach seiner Geburt. Mit den zwei verbliebenen ging seine Frau, eine Jüdin, 1939 nach England und überlebte so den Naziterror. Die noch lebenden Nachfahren haben sich die Ausstellung im Potsdamer Kunstverein bereits angesehen. Auch das Grab Wolffs auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf kann noch besichtigt werden.

Unterstützung erfuhr Wolff von Max Sauerlandt, dem Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg. „Sauerlandt hat ihm Aufträge und Sammler vermittelt“, so Hüneke. Allerdings habe es dennoch nicht gereicht, um die Familie zu ernähren. Im Kunstverein sind Zeichnungen und Drucke zu sehen: reduzierte Formen, expressiv übersteigert, auf den unmittelbaren Ausdruck reduziert. Sie zeigen exemplarisch den zeichnerischen Duktus des Spätexpressionismus. Interessant ist auch die Suche des Künstlers nach einem weltanschaulichen und ideologischen Halt, wie sie sich in den Tagebüchern widerspiegelt. Aus denen wird der Schauspieler Hans Jochen Röhrig am Freitag lesen. Aber: „Es sind ebenfalls nur Fragmente, von denen ich Kopien erhalten habe. Wo sich die vollständigen Bücher gegenwärtig befinden, wisse man nicht, sagt Hüneke.

Richard Rabensaat

„Gustav Heinrich Wolff. Auf den Spuren eines Berliner Bildhauers”, Potsdamer Kunstverein, Charlottenstraße 121. Am Freitag um 19 Uhr liest dort Hans Jochen Röhrig aus den Tagebüchern des Künstlers

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