Kultur : Ein Kessel Buntes

Gretel Schulze und Andreas Zieger liefern sich ein preußisch-sächsisches Polit-Scharmützel

Astrid Priebs-Tröger
Effzwo im Visier mit Preußin Gretel Schulze und Sachse Andreas Zieger.
Effzwo im Visier mit Preußin Gretel Schulze und Sachse Andreas Zieger.Foto:promo

Das Jubiläumsjahr 2012 wirft seine Schatten voraus. Einen guten Monat vor dem Jahreswechsel stimmte das Kabarett am Obelisk am Wochenende mit seinem neuen Programm „Friedrich, Freude, Eierschecke“ auf den bevorstehenden 300. Geburtstag von Effzwo – so nennen sie hier despektierlich den Preußenkönig – ein.

Zwischen Klavier und Pauke, drei Stühlen und unter dem lila Kronleuchter lieferten sich dann die gebürtige Preußin Gretel Schulze und der sächsischstämmige Andreas Zieger ein fast zweistündiges wort- und gesangsreiches Scharmützel, das das immer wieder gern durch den Kakao gezogene Verhältnis der beiden Völker und Kulturen zum Thema hatte. Doch wer erwartete, dass der Abend sogleich auf diese Weise begann, wurde enttäuscht. Zum „Aufwärmen“ des Publikums im ausverkauften Saal mussten erst mal Berlusconi und Viagra, Stuttgart und Creme 21, Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine sowie der Papstbesuch herhalten.

Aber das zuvor angeordnete preußisch-korrekte Klatschen war ja zumindest ein Gag in die anvisierte Richtung. Gretel Schulze gab dann ihre preußische Sozialisation zum Besten und Andreas Zieger hatte einen Einkaufswagen voller Alkoholika organisiert – „sein“ König hatte einst einen Geheimbund zur Bekämpfung der Nüchternheit begründet – um die anstehende Fete richtig krachen zu lassen. Doch das dauerte, erst nach der Pause geriet der Abend auf seinen Höhepunkt. Davor und dazwischen gab es (zu) Vieles, was auch in jedem anderen Programm Platz gefunden hätte. Aber in der ersten Viertelstunde wurde auch noch ein sächsisch-preußischer Freundschaftsverein ins Leben gerufen, der als glühendes Beispiel für die Vereinigung Europas herhalten sollte.

Und als dieser Rahmen aufgemacht war, konnte man eigentlich (fast) jedes Thema unterkriegen. Von der aktuellen Finanzkrise, die mit einer „Pflaumenkuchenbank“ gar nicht erst ausgebrochen wäre, über einen Medienrundumschlag, aktueller Arbeitsmarktpolitik, bis hin zu Matthias Platzeck und immer wieder Angela Merkel als persönlich heißgeliebtem Spottobjekt, die Gretel Schulze mit heruntergezogenen Mundwinkeln, Schlafzimmerblick und emotionslosem Sprech zugegebenermaßen gekonnt karikierte. Aber als sie dann auch noch als strafversetzte Krankenschwester in das Phänomen der „Wiedergeburt“ abdriftete, wünschte man sich langsam aber sicher ins preußisch-sächsische Verhältnis zurück.

Nach der Pause durfte dann Andreas Zieger öfter ran und mit seiner moderateren sächsischen „Lebensart“ schlich er sich quasi von hinten in die Publikumsgunst. Seine Bemerkungen über die sächsische Sprache waren zwar auch nicht mehr taufrisch, aber nichtsdestotrotz charmant. Am besten sind die beiden ohnehin, wenn sie gemeinsam singen und musizieren, zum Beispiel den „Kuba-Effekt“ oder den Europa-Abgesang auf die Melodie von „Babitschka“. Aber Gretel Schulze drückt fast bis zum Schluss in den Sprechtexten dermaßen auf die Tube, dass Zieger daneben oft blass wirkt, was mit ein bisschen weniger Druck in ihrer Stimme nicht sein müsste.

Dieses erfuhr noch eine Steigerung in ihrem schlechten „Wellness-Terror“-Text, der ebenfalls nicht zwingend ins Programm passte. Stattdessen hätte man gern mehr über das aktuelle Verhältnis von Preußen und Sachsen gehört oder wenigstens einen Blick hinter die politischen Kulissen in Dresden gewagt. Fehlanzeige. Die vorwiegend reiferen Semester im Premierenpublikum amüsierten sich dennoch köstlich und am Ende des „Friedrich-Freude-Eierschecke“-Abends gab es lang anhaltenden Applaus und drei Zugaben. Astrid Priebs-Tröger

Nächste Vorstellung am Mittwoch, 30. November, 19. 30 Uhr, Charlottenstr. 31, Karten unter Tel. (0331)291069

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