Kultur : Ein Baugemeinschaftsalbtraum

Experiment mit vorhersehbarem Ausgang: Isabel Osthues’ „Richtfest“ am Hans Otto Theater

Dirk Becker
Da ist die Welt der Baugemeinschaftler noch in Ordnung. Denn gerade betrachten sie voller Verzücken die Animation ihres zukünftigen Wohntraums, der sich schon bald als Wohnalbtraum entpuppt.
Da ist die Welt der Baugemeinschaftler noch in Ordnung. Denn gerade betrachten sie voller Verzücken die Animation ihres...Foto: HOT/HL Böhme

Wir können uns den Theaterautoren Lutz Hübner als einen Wissenschaftler in seinem Labor denken. Dort sitzt er, überlegt und kommt nach einer Weile zu dem Schluss, dass es mal wieder Zeit wäre für das beliebte Experiment „Was wäre wenn“. Er präpariert seinen Arbeitsplatz, greift sich ein paar Exemplare aus seiner reichhaltigen Sammlung von Klischees, bringt sie auf engem Raum zusammen, stellt sie vor eine unlösbare Aufgabe und beobachtet ihr munteres Treiben wie unter einem Mikroskop. Ab und an ändert oder besser gesagt manipuliert er die Rahmenbedingungen, übt sozusagen etwas Druck aus, um der Angelegenheit mehr Schwung zu verleihen und das Experiment in die vorhersehbaren Bahnen zu lenken. Am Ende klatscht er sich mit diebischer Freude auf die Schenkel, weil alles wieder so herrlich gelungen ist bei diesem Experiment mit dem Arbeitstitel „Richtfest“.

Am Freitag war die Premiere dieses „Richtfest“ im Hans Otto Theater (HOT) zu erleben. Verantwortlich für das Komödien-Experiment ist Regisseurin Isabel Osthues, die schon Hübners „Frau Müller muss weg“ äußerst erfolgreich am HOT inszeniert hat. Und auch dieses Mal hat Isabel Osthues ein inszenatorisch-geschicktes Händchen bewiesen. Bester Garant dafür, dass „Richtfest“ ebenfalls zu einem Publikumsliebling werden könnte.

Für sein „Richtfest“-Experiment hat Lutz Hübner sich gefragt, was wäre, wenn man elf doch recht unterschiedliche Menschen zusammenkommen lässt, damit sie sich als Baugemeinschaft den Traum vom eigenen Heim erfüllen können. Eine großzügige Villa mit sechs Wohnungen soll in der Babelsberger Goethestraße gebaut werden. Doch dass es nie so weit kommen wird, ist schon in der erste Szene klar zu erkennen. Da sind Vera und Ludger, er Professor, sie PR-Frau einer Stiftung, und mit reichlich Geld gesegnet. Da sind Charlotte, die ehemalige Kneipenwirtin, das schwule Paar Frank und Michael und der Architekt Philipp. Und da sind Holger und Birgit, er Finanzbeamter, sie Leiterin einer Jugendhilfe, die bei dem gemeinsamen Treffen der zukünftigen Baugemeinschaft etwas am Rande stehen, noch Berührungsängste haben oder einfach nur tief im Unterbewusstsein spüren, dass hier alles nur eine große Blase aus Illusion und Träumereien, Eigennutz und Falschheit ist. Alle warten sie noch auf das junge Paar Christian und Mila. Auf den Assistenzarzt Christian und die Jurastudentin im Referendariat Mila, die einen wenige Monate alten Sohn haben, werden sie immer wieder warten müssen.

Mit der Skepsis von Holger und Birgit schaut auch das Publikum am Rande dieses Experimentierfeldes, das auf die weiße, baukastenartige, unfertige und unwohnliche Bühne von Jeremias Böttcher einen unverstellten Blick hat. Nur ein paar wenige Utensilien werden in den kommenden zwei Stunden auf dieser Bühne zu sehen sein – Stühle, ein Tisch, eine Tür, ein Laufgitter, ein Rollrasen –, ansonsten gehört diese gnadenlos unpersönliche Fläche allein den Tagträumern der Baugemeinschaft. Denn hier will zusammenkommen, was nicht zusammenpasst. Das zu zeigen, gelingt Isabel Osthues mit wenigen, feinen Pinselstrichen. Das affektierte Gehabe und die Blicke, die übertriebene Höflichkeit und kaum zu ertragene Begeisterung, das Getatsche, Geknutsche und dieser Gute-Laune-Terrorismus haben es wirklich in sich. Dass wir aber – wohlwissend, dass dies kein gutes Ende nehmen wird – interessiert dabei bleiben, hat mit einer alten Regel zu tun, die Hübner sehr gut kennt und Isabel Osthues fast schon perfekt umzusetzen weiß: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Soll heißen: In diesem Fall streiten sich elf Baugemeinschaftler und das Publikum darf sich diebisch freuen.

In seinem Experiment lässt Lutz Hübner immer mal wieder die Baugemeinschaft zusammenkommen, um über Pläne, Grundrisse und die Finanzierung zu reden. Dazwischen erlebt das Publikum die einzelnen Parteien mit ihren Problemen, ihren Versuchen, mit den Entwicklungen und Verwicklungen umzugehen. Am herausragendsten gelingt das René Schwittay und Meike Finck als Holger und Birgit. Zwei Durchschnittsmenschenklischees, gern auch als Spießer bezeichnet, mit einem schwer pubertierenden Töchterchen (Janina Stopper), die ihre Durchschnittsgemütlichkeit in die Baugemeinschaft hinüberretten wollen. Demgegenüber stehen Ludger (Peter Pagel) und Vera (Melanie Straub), Frank (Wolfgang Vogler) und Michael (Eddie Irle) und Architekt Philipp (Friedemann Eckert), die ihre zukünftigen Wohnungen an hochtrabenden Architekturklischees ausrichten. Die Kneipenwirtin a. D. Charlotte (Rita Feldmeier) will der Einsamkeit entfliehen, Christian und Mila sich viel zu früh den Traum von einer Eigentumswohnung erfüllen.

Diesen klischeesatten Querschnitt unserer Gesellschaft und ihr Baugemeinschaftstraum, der immer mehr zum Baugemeinschaftsalbtraum wird, inszeniert Isabel Osthues mit einer gewissen Leichtigkeit und geringer Fallhöhe, weil doch alles in erwartbaren Bahnen verläuft. Schon bald gibt es erstes Misstrauen und Skepsis, es kommt zu Geldproblemen und einem Krankheitsfall, der zu einem Pflegefall wird, Allianzen entstehen, lösen sich auf und werden neu geschlossen. Und dann gibt es noch unterschiedliche Meinungen darüber, wie das zukünftige Haus aussehen soll. Herrlich, wie hier ein Stück Rollrasen als Frontverlauf für diese fadenscheinigen Grabenkämpfe dient. Irgendwann platzt jedem der Kragen und es wird nicht mehr mit Gehässigkeiten gespart. Am Ende eskaliert dieser Krieg der Kleinkarierten an den Beiträgen zum gemeinsamen Büfett. Das ist der berüchtigte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Selbstgemachter Kartoffelsalat und Antipasti werden zu Wurfgeschossen. Und dass eine ausgemachte Prügelei auch eine – wenn auch nur kurzzeitige – Lösung von Konflikten bedeuten kann, darin sind sich die gescheiterten Baugemeinschaftler dann doch mal alle einig.

Wer eine tiefere Wahrheit in „Richtfest“ sucht, wird wenig Erfolg haben. Die braucht es in dieser Inszenierung auch nicht, denn das Offensichtliche – die menschliche Schwäche – ist hier eindeutig. „Richtfest“ ist eine gelungene Komödie voller Pointen und Gemeinheiten und mit herrlich agierenden Schauspielern. Die Katastrophe kam wie erwartet und hat für sehr viel Schadenfreude gesorgt. Aber bedenke: Wer aus Schadenfreude lacht, lacht vor allem auch über sich selbst.

Wieder am Samstag, dem 25. Oktober, um 19.30 Uhr im Hans Otto Theater in der Schiffbauergasse.