Kultur : Effektvoll

Gerlingers Celan-Abend in der Inselkirche

Astrid Priebs-Tröger

Menschenleer, nasskalt und abweisend war Hermannswerder an diesem Abend. Doch schon von ferne geleitete das orangefarbene Licht eines Herrnhuter Sternes die späten Besucher in Richtung Inselkirche. Und die Fenster des neugotischen roten Backsteinbaues leuchteten blau. Diese ungewöhnliche Illumination gehörte zur musikalisch-literarischen Paul-Celan-Performance, die der seit zwei Jahren in Potsdam lebende Schauspieler Michael Gerlinger gemeinsam mit dem Meininger Gitarristen Stefan Groß am Wochenende in der Inselkirche präsentierte.

Als erstes fiel einem Innenraum der schmale Streifen Erde, der sich im Mittelgang zwischen den Sitzbänken bis zum Altar hinzog, ins Auge. Wer näher herantrat, konnte Spuren menschlicher nackter Füße darin entdecken und je weiter man nach vorn ging, umso näher kam man Männer- und Frauenschuhen, die in der Erde steckten und sich auf den Altartreppen zu einem kleinen Hügel türmten. Ein starkes und berührendes Bild für alle diejenigen, die nicht nur die berühmte „Todesfuge“ eines der bedeutendsten Dichter deutscher Sprache nach dem Zweiten Weltkrieg kennen, sondern auch Einzelheiten aus dem Leben des 1920 in Rumänien geborenen und 1970 in der Seine ertrunkenen deutschsprachigen Juden Paul Celan.

Die sollten an diesem Abend, der mit einer zehnminütigen vordergründig geheimnisheischenden Klangcollage von Stefan Groß begann, auch nicht explizit zu Gehör gebracht werden, sondern Gerlinger ging es vor allem darum, die Sprache dieses schwer zugänglichen Dichters, der, wie Gerlinger sagte, „zugleich düster und erhellend ist“ auf die Hörer wirken zu lassen. Zu diesem Zweck ließ er auch bei den 25 vorgetragenen Texten die Titel weg und versuchte, immer abwechselnd mit den Klängen und (zu) wenig Stille, einen eigenen Sprachsog zu entwickeln. Aber leider stellte der sich nur an wenigen Stellen ein, da der Schauspieler zu viel Aktion und eine oftmals zu hohe Sprechgeschwindigkeit walten ließ, sodass sich die zuweilen kryptischen und oft hermetisch wirkenden Texte kaum entfalten konnten, wenn danach sofort Musik ertönte.

Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, gerade im sakralen Raum, mehr nachhallen zu lassen und nicht so viel Dramatisches in die Stimme und manchmal auch in den Gestus zu nehmen. Wie sich das anfühlt, kann man hören, wenn Paul Celan (auf You Tube) seine Gedichte selber liest. So entwickelte sich eine leider vordergründig illustrative Performance, in der Gerlinger nicht nur rote Tulpen mit einer Schere köpfte, sondern auch – jetzt in der Rolle als Dichter? – barfuß und im erdverschmierten Unterhemd wilde Zwiesprache mit einer mechanischen Schreibmaschine hielt und auch noch das eindrückliche Anfangsbild zerstörte, als er zwischen den begrabenen Schuhen nach Papierfetzen suchte und von diesen dann Gedichtfetzen rezitierte.

Gegen Ende der knapp einstündigen Inszenierung, deren Lichtstimmung (Anita Fuchs) anfangs blau, später pink war und im Verlaufe der „Todesfuge“ zu flammendrot im Turm wechselte, hatte man das Gefühl, dass zwar Bedeutendes gesagt aber insgesamt viel zu schnell und effektvoll vorbeigerauscht war. Und das ist schade, da die Auswahl der Gedichte eigentlich stimmig und sowohl Texte aus „Der Sand aus den Urnen“ von 1948, als auch dem berühmten Band „Mohn und Gedächtnis“ bis hin zu Texten aus dem Nachlass vertreten waren. Die etwa 40 Besucher applaudierten nicht sofort, sondern ließen ihrerseits die letzten Worte aus „Nachtstrahl“ minutenlang nachwirken. Astrid Priebs-Tröger

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