Kultur : Effekthascherische Saitenakrobatik

Tschaikowsky pur mit dem Neuen Kammerorchester Potsdam und dem Violinisten Guy Braunstein im Nikolaisaal

Peter Buske
Virtuose von Format. Der Violinist Guy Braunstein.
Virtuose von Format. Der Violinist Guy Braunstein.Foto: promo

„Tschaikowsky besaß eine große melodische Kraft und diese bildete bei ihm den Schwerpunkt in jeder Symphonie, in jeder Oper und in jedem Ballett“, begeisterte sich Igor Strawinsky in einem in der Londoner „Times“ gedruckten offenen Brief über die Musik des russischen Komponisten. Sie zeichne sich überdies durch „Einfachheit, Ursprünglichkeit und Spontaneität" aus. Ihr haben sich Ud Joffe und das Neue Kammerorchester Potsdam am Donnerstag im Nikolaisaal einen ganzen Konzertabend unter dem Titel „Tschaikowsky für Geige“ gewidmet. Als Virtuose von Format erweist sich dabei Guy Braunstein, der eine Barockgeige des Cremonesen Francesco Ruggieri aus dem Jahre 1679 spielt. Würde sie den spätromantischen Gefühlswelten gerecht werden können?

Zum Auftakt gibt es die Kleine Ouvertüre aus der „Nussknacker“-Suite, in der das Kammerorchester mit gleichsam hüpfendem Esprit, tändelnder Grazie und mozärtlicher Leichtigkeit überzeugen kann. Für das nachfolgende Pas de deux aus dem „Schwanensee“-Ballett ist der Soloauftritt von Guy Braunstein unumgänglich, der mit gefühlvoll schmachtendem Saitengesang die Anmut des Paares (Prinz und Weißer Schwan) unterstützt.

Intensiv wird sein klarer Ton, als er den Solopart in der dunkel tönenden Sérénade mélancholique op. 26 übernimmt. Er bemüht sich um seelenvollen Ausdruck, der zwar nie kitschig wirkt, aber auch nicht den melancholischen Zauber zu ergründen versteht. Das Orchester bietet ihm ein sparsam ausgestattetes, kuscheliges Klangbett. In dem kann er dann beim nachfolgenden Valse-Scherzo voller romantischer Virtuosität im bodenständigen Dreiviertel-Takt herumtollen – eine vergnügliche „Kissenschlacht“.

Liebe und Sehnsucht in ihrer reinsten Form kommen zum Klingen, als die Braunstein-Bearbeitungen von zwei Arien aus der Oper „Eugen Onegin“ auf dem Programm stehen. Wie nicht anders zu erwarten, übernimmt die Solovioline den für sie ein wenig umgemodelten und damit effektvolleren Gesangspart, während das Orchester sich seiner originären Aufgabe widmet. In seinem gefühlsüberschwänglichen und todesahnenden Abschiedsmonolog „Wohin seid ihr entschwunden“ ist lyrisches Saitenmelos angesagt, dessen mitunter etwas spröde Diktion allerdings von Klarinettenschmelz gemildert wird. Leidenschaft bestimmt dagegen die berühmte Briefszene der Tatjana „Und sei’s mein Untergang“, in der die hoffnungsfroh Liebende sich die Ehe mit dem Gutsbesitzer Onegin herbeisehnt. Was natürlich nicht klappt, weil der Angebetete sie für etwas überspannt hält.

Nach der Pause dann das einst als unspielbar geltende, doch längst zum Standardrepertoire eines jeden Solisten gehörende Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35, das von folkloristischen Melodien, lyrischer Anmut und tänzerischer Ausgelassenheit geprägt ist. Zur adäquaten Wiedergabe verlangt es jedoch nach einer größeren Orchesterbesetzung, als der des Kammerorchesters. Es fehlt schlichtweg an Volumen. Um es zu erreichen wird forciert, was dem Werk nicht sonderlich guttut. Das Ergebnis ist eine Wiedergabe von kammermusikalischem Zuschnitt mit wenig Gefühlstiefgang und weitgehend fehlender Geschmeidigkeit und Wärme. Dazu gesellt sich ein eher klangnüchternes Geigenspiel, mit dem Braunstein sein enormes technisches Können (mit gelegentlichen intonatorischen Unsicherheiten) zur Schau stellen kann, das schließlich in die effekthascherische Saitenakrobatik des Finales mündet. Danach tobt der Saal. Peter Buske

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