• Durs Grünbein in Wilhelmshorst: Dresden, Ort geronnener Zeit

Durs Grünbein in Wilhelmshorst : Dresden, Ort geronnener Zeit

Durs Grünbein war Gast im Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst.

Christoph Winter
Foto: Manfred Thomas

Wilhelmshorst - Auf dem Tisch stehen eine Wasserkaraffe und zwei Gläser, es riecht nach Holz und Wein. Das Format ist bekannt: Ein auf der Bühne sitzender Autor liest mit sonorer Stimme seine eigenen Texte tot, beantwortet die obligate Frage nach der eigenen Biografie im Text geduldig und signiert freundlich lächelnd das am Büchertisch im Foyer erstandene Exemplar seines jüngsten Machwerkes: „Für Christine.“ – „Nein, ohne e.“ – „Oh, pardon!“

So geht es bei Lesungen normalerweise zu. Zum Glück für das am Donnerstag zahlreich im Peter-Huchel-Haus erschienene Publikum, das sich – formattypisch – aus früheren Jahrgängen des 20. Jahrhunderts rekrutiert, kommt es anders. Zwar liest der vielfach ausgezeichnete Durs Grünbein auch aus seinen jüngsten Veröffentlichungen – Prosa und Lyrik –, muss jedoch keine Fragen zum Konnex von Leben und Werk über sich ergehen lassen. Immerhin! Stattdessen plaudert er geist- und anspielungsreich mit Matthias Weichelt, dem Chefredakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“.

Neben so erratischen wie erwartbaren Äußerungen zum eigenen Schaffen, das – gerade von Lyrikern – oftmals genieästhetisch verklärt wird („Der Anlass des Gedichts ist ein Mysterium“), touchiert Grünbein aber auch immer wieder das Thema, mit dem er zuletzt für Schlagzeilen sorgte: Seine Auseinandersetzung mit dem jüngst in neurechten Kreisen verkehrenden, wie Grünbein in Dresden geborenem Autor Uwe Tellkamp. Der Clou: Ohne dabei den Namen Tellkamps zu erwähnen.

Statt aber in Abwesenheit seines Diskutanten die Dresdner Debatte zur „Meinungsfreiheit in der Demokratie“ wiederzukäuen, umkreist er sie, und zwar so, wie es sein Privileg ist: poetisch. Dresden sei ein „Ort der geronnenen Zeit“, konstatiert Grünbein und meint damit, dass die Stadt ihre größtmögliche narzisstische Kränkung nicht überwunden habe, ihre – im Narrativ vieler Dresdner – „unnötige“ Zerstörung im Februar 1945. Bis zuletzt, so Grünbein, glaubten die Dresdner an die Unzerstörbarkeit ihrer Stadt, der „italienischsten Stadt nördlich der Alpen“. Der „Mythos der Unzerstörbarkeit“ verwandelte sich in den „Phantomschmerz der Untergegangenen“ und sei einer von vielen Gründen für den Erfolg neurechter und rechtsextremer Gruppierungen in der sächsischen Landeshauptstadt.

Gute Autoren – so steht es in etlichen Schreibratgebern – erkennt man daran, dass sie Spannungsbögen generieren, indem sie die Lösung eines Konfliktes offenlassen. Daran gemessen ist Grünbein Meister seines Faches, denn genau an dem Punkt, an dem es interessant – weil tiefgründig – wird, also dann, wenn die Erklärung des politischen Rechtsrucks des Ostens sich nicht auf den Gemeinplätzen ökonomischer Abgehängtheit und weitgehender Perspektivlosigkeit ergeht, übertrifft Grünbein selbst den „Master of Suspense“ Alfred Hitchcock, indem er ankündigt: „Dazu vielleicht später mehr.“

Zumindest im Peter-Huchel-Haus löst Grünbein seine Ankündigung nicht ein. Statt in die Abgründe der sächsischen Seele führt er das anwesende Publikum in die Vertraut- und Gemütlichkeit der eigenen Vergangenheit, nach Ostberlin und Dresden, in die autobiografischen Texte des Bandes „Die Jahre im Zoo: Ein Kaleidoskop“. Das ist auch um einiges bequemer, und vielleicht auch besser so. Schließlich weiß man nie, wer genau da eigentlich so im Publikum sitzt. Es ist ja auch schon dunkel und spät und niemand soll mit einem schlechten Gefühl nach Hause gehen. „Herr Grünbein, vielen Dank! Würden Sie noch das Buch signieren?“