Kultur : Durchmischtes Doppel

Jeder auf seine Art: Kammerakademie und Nikolaisaal Potsdam starten in die neue Saison

Peter Buske
Dunkelbunt. Samstagabend feierte der Nikolaisaal draußen weiter die neue Saison.
Dunkelbunt. Samstagabend feierte der Nikolaisaal draußen weiter die neue Saison.

„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus“, schon der Theaterdirektor in Goethes „Faust“ wusste, wie man Publikumswünsche befriedigt. Die Hüter und Herrinnen des Nikolaisaals aber auch. Und so bedient der Musentempel die Klassikfans, verwöhnt Jazzfreunde, Folklore- und Stimmenfreaks genauso wie Liebhaber von Filmlivemusik. Eine vielseitige Institution also, die sowohl der Kammerakademie Potsdam (KAP), dem künstlerisch selbständigen Hausorchester, als auch anderen Klangkörpern aus Nah und Fern einen respektablen, nun frisch getünchten Auftrittsort bietet. Und dieser lud am Wochenende zum Rendezvous in und vor seine Räumlichkeiten.

Bereits am Freitag vollzog die KAP mit ihrem Sinfoniekonzert unter Leitung von Chefdirigent Antonello Manacorda den Start in die Konzertsaison 2017/2018. Sie steht unter dem Motto „Sehnsucht“ und stellt dabei das Werk Felix Mendelssohn Bartholdys in den Mittelpunkt. Glücklicher Felix, denn nun hat er auch noch mit dem berlinphilharmonischen Klarinettisten Andreas Ottensamer einen Artist in Residence an seiner Seite, der sich im Saisonverlauf um die Aufführung weiterer Werke verdient machen will. Zusammen mit seinem Bruder Daniel bläst Andreas Ottensamer zwei Konzertstücke für Klarinette, Bassetthorn und Orchester f-Moll op. 113 und d-Moll op. 114. In ersterem ist es Andreas Ottensamer, der zum Bassetthorn (eine Bassklarinette) greift, während sich Daniel der Klarinette annimmt, im zweiten sind die Rollen getauscht. In beiden Piecen Stücken stehen tonsetzerisches Raffinement, Innigkeit und Virtuosität im Einklang. Das alles findet seine Entsprechung in einer gegenseitig körperzugewandten und seelennahverwandten Partnerschaft – ein Zusammenspiel der Extraklasse! Beider Ton ist makellos: klangschön im anmutigen Zwiegespräch, apart kontrastierend in den Wechselreden. Ihr staunenswertes Klanggemisch wird vom Orchester unter straffer Dirigentenanleitung begleitet. Zwischen den Stücken plaudert KAP-Geschäftsführer Alexander Hollensteiner mit Andreas Ottensamer über gemeinsame Vorhaben, Zusammenarbeit mit den Musikern und Werkentstehung. Mit der witzig dargebotenen Kapriole „Die Jagd“ von Olivier Trouen bedankt sich das Duo für den stürmischen Beifall.

Nach der Pause folgt Mendelssohns Sinfonie Nr. 2 B-Dur op. 52 für Soli, Chor und Orchester, die ihren „Lobgesang“ zur 400. Wiederkehr der Erfindung der Buchdruckerkunst anno 1840 in der Leipziger Thomaskirche unter Leitung des Komponisten erheben konnte. Doch diese Sinfonie-Kantate ist weit mehr als eine opulente Festmusik, denn sie soll versuchen, theologisch abgesichert und überhöht, „das Wirken Gottes in den Erfindungen der Menschen zu erkennen und umgekehrt den menschlichen Geist zum Lobe Gottes einzusetzen.“ (Programmheft) Drei der vier Sätze sind rein instrumental und dienen der nachfolgenden Kantate als eine Art von Prolog. Mit aufklärerischem Pathos wird dabei orchestral wie vokal nicht gespart. Dabei wird das Eingangsmotto des Chores („Alles was Odem hat, lobe den Herrn“ bereits im ersten und zweiten Satz intoniert und gewinnt leitmotivische Funktion. Hornrufe eröffnen das Klanggetümmel, wobei Manacordas präzise, jedoch weitgehend zuchtmeisterlich wirkende Zeichengebung und sein ganzkörperbetontes und verbissen-marionettenhaftes Agieren dem Werk nicht unbedingt zum Vorteil gereichen. Dramatische Zuspitzungen werden über Gebühr strapaziert und forciert, die lyrischen Passagen allerdings klangschlank und zuweilen auch geschmeidig musiziert.

Im Chorfinale alternieren solistische mit chorischen Nummern. Dabei ist der NDR-Chor zu ungeschmeidigem, plakativem, weitgehend textunverständlichem und fast ständigem, klangscharfem Brüllen angehalten. Hymnische Lobgesänge auf die Werke des Herrn hören sich anders an! Aber vielleicht hat der Dirigent bloß keinen inneren Zugang zu den evangelischen Bekenntnisgesängen gefunden? Zu den Sopranistinnen Maria Bengtsson (mit glasklarer, kühl wirkender und instrumental geführter Stimme) und Johanna Winkel (warme und anmutiger Mittellage) gesellt sich der mit stählerner Durchschlagskraft und strahlenden Spitzentönen aufwartende Tenor Pavel Breslik.

Tags darauf sorgt der Nikolaisaal bei seinem Startprogramm „La dolce vita. Die Musik des italienischen Kinos“ für pures Hörvergnügen. Garant dafür ist das Deutsche Filmorchester Babelsberg unter Leitung seines langjährigen Traumpartners Scott Lawton. Kurzum: die Cineasten kommen voll auf ihre Kosten, denn die Musiker haben das Feeling fürs Genre in ihrem Blut. Ebenso Knut Elstermann, der den Abend mit viel Charme, Witz und Humor kenntnisreich moderiert. Statt originaler Filmausschnitte (wer soll die horrenden Leihgebühren bezahlen?!) flimmern filmische Fantasien als witzig animierte Reminiszenzen aus der Vergangenheit über die Leinwand.

Die Musik dazu liefern größtenteils Nino Rota („Amacord“, „Der Leopard“, „La dolce vita“, „Rocco und seine Brüder“) und Ennio Morricone („Spiel mir das Lied vom Tod“, „Der Clan der Sizilianer“) nebst anderen Größen ihres Fachs. Musik voller Gefühle von Liebe, Leidenschaft, Verrat und Rache, dann wieder zirzensisch-gauklerhaft, swingend, düster und unheilvoll, schillern und bombastisch die Sinne verwirrend. Den Musikern sei Dank: durch sie ließ sich mit den Ohren sehen. Ein beifallsumrauschter Abend großer Emotionen.

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