Kultur : Durchlässige Grenzen

Malgven Gerbes und David Brandstätter bringen in der „fabrik“ urbanen Tanz zum Fließen

Astrid Priebs-Tröger
Machen nicht nur auf cool. Die Jungs von „Shifts – art in movement“.
Machen nicht nur auf cool. Die Jungs von „Shifts – art in movement“.Foto: fabrik

Man muss ihn nicht verstehen, um fasziniert davon zu sein. Denn die Körperlichkeit und Emotionalität des sogenannten Urban Dance ziehen einen schnell in den Bann. Kein Wunder also, dass B-Boying, Breakdance und Co. seit der Zeit ihrer Entstehung in den 1960er-Jahren von den Straßen Amerikas ihren Siegeszug rund um die Welt antraten. Das noch expressivere Krumping entstand in den 90er-Jahren und beeinflusste von dort aus ebenfalls weltweit die Streetdance-Szene.

Malgven Gerbes und David Brandstätter vom Kollektiv „Shifts – art in movement“ lassen in ihrem Projekt „Krump ’N’ Break Release“, das am Wochenende beim „Made in Potsdam“-Festival in der „fabrik“ gezeigt wurde, einen Breakdancer und vier Krumper aufeinandertreffen. Die sich dabei nicht nur mit den eigenen tänzerischen Wurzeln und ihren persönlichen Motivationen auseinandersetzen, sondern auch mit den Techniken des Release und der Contact Improvisation, die fast zeitgleich mit dem urbanen Tanz entstanden, in Berührung kommen.

Dazu braucht es nicht mehr als eine leere Bühne, ein Mikrofon und eine große, weiße Leinwand. Dort trifft der Berliner Breakdancer Raphael Hillebrand die französischen Krumper Waldo Pierre, Anthony Jean, Alan Page und die auch in Potsdam bekannte Emilie Quedraogo Spencer, die in der Aufführung von Heddy Maalem zur Eröffnung der Potsdamer Tanztage im vergangenen Jahr mittanzte. Denn auch der französische Choreograf holte Straßentänzer auf die Theaterbühne und konfrontierte diese mit ihnen bis dahin unbekannten Techniken und Musik der sogenannten Hochkultur.

Während Maalem aus Individualisten in kurzer Zeit ein Ensemble formte, geht es Malgven Gerbes und David Brandstätter um etwas anderes. Sie lassen die Tänzer immer wieder vor eine Kamera treten und darüber reden, was sie bewegt und warum sie tanzen. Da ist viel von Sinnsuche und Spiritualität die Rede und auch vom Wert ihrer Gemeinschaft. In diesen immer wieder eingeblendeten, sehr direkten Interviewsequenzen, in denen sich die Gesichter nachhaltig einprägen, wird die Individualität der Tänzer noch einmal besonders deutlich.

„Kunst in Bewegung“ heißt Gerbes und Brandstätters Kollektiv und das ist Programm. Shifts steht für einen Wechsel von einem definierten Zustand in einen anderen und beinhaltet eine Dynamik des Übergangs. Und während man am Anfang der Aufführung reine Breaker und Krumper erleben kann – besonders faszinierend bei den Powermoves, diesen akrobatischen Elementen, die Drehungen um fast jede Körperachse einschließen. Gelingt es innerhalb einer Stunde, die Grenzen zwischen ihnen fließend werden zu lassen. Es ist berührend zu erleben, wie die Tänzer mittels Contact Improvisation und Release – etwas, was in ihrer Sphäre nicht vorkommt – nicht mehr im Wettkampf stehen, sondern direkt in Berührung kommen. Mittels der Entdeckung von Bewegungsmöglichkeiten, die zwischen zwei Tänzern möglich sind, indem sie sich gegenseitig das Gewicht abgeben, übereinanderrollen, klettern oder schwingen.

Die Krumper, die sich vormals in kampfbereiten, animalisch wirkenden Posen gegenüberstanden, so abgrenzend ihre Präsenz zeigten, geraten ins Fließen, ihre Bewegungen werden weicher und durchlässiger. Am Ende ist die Synthese vollzogen: Eine Choreografie, die stark auf den Einzelnen setzt, um daraus etwas Gemeinsames mit seinen reichen Facetten erst wirklich entstehen zu lassen. Ein tänzerisches Experiment, das auch gesellschaftlich Schule machen könnte!

Wunderbar an Malgven Gerbes und David Brandstätters Arbeit, die als „work in progress“ konzipiert ist, ist auch, dass sie leicht und humorvoll daherkommt. Dazu trägt besonders Raphael Hillebrand bei, der wie ein Moderator agiert. Auch das Publikum wird einbezogen, und kann in einer kurzen, selbst ausgeführten Bewegungssequenz deutlich spüren, wie beweglich man sein muss, um Grenzen zu überwinden. Astrid Priebs-Tröger

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