Kultur : Druck Unter

Homosexualität ist ein Tabu im Fußball: Robbie Rogers ist der einzige aktive Profi, der sich geoutet hat. Ein Porträt

Beatrice Schlag
Robbie Rogers im Mai bei seinem Antrittsspiel im Trikot von Los Angeles Galaxy.
Robbie Rogers im Mai bei seinem Antrittsspiel im Trikot von Los Angeles Galaxy.

Robbie Rogers war gerade eben 25 und bei Leeds United unter Vertrag (jenem britischen Klub, für den schon der legendäre Jack Charlton auflief), als er Anfang des Jahres Folgendes in seinen Computer hackte: „Ich dachte immer, ich könne es geheim halten. Fußball war meine Flucht, mein Lebensinhalt und meine Identität. Ich werde die Freunde nie vergessen, die ich in den vielen Jahren als Spieler gewonnen habe und jene, die mich unterstützten, als sie von meinem Geheimnis erfuhren. Jetzt ist es Zeit, abzutreten.“

Dass dies klingt wie die verzweifelte Ankündigung eines Suizids, war nicht seine Absicht. Eher das Gegenteil. Die Zeilen waren Teil eines Briefes, in dem der Mittelfeldspieler über seine lebenslange Angst berichtete, zu seiner Homosexualität zu stehen. Der US-Amerikaner war überzeugt, das Eingeständnis würde ihn nicht nur die Zuneigung seiner Familie, sondern auch seine Karriere als Fußball-Profi kosten. Rogers sicherte den Text, den er mit „Letter of Life“ überschrieb, und nervte zwei Monate lang die wenigen, denen er sich anvertraute, mit der Frage: Soll ich ihn veröffentlichen? Bis er hörte: „Stell ihn ins Netz oder red nicht mehr darüber.“

Blauer Himmel, Palmen am Strand. Am Ende dieses Jahres lebt Rogers in Los Angeles, surft im Pazifik, spielt im Stub Hub Center für L.A. Galaxy und führt ein Leben, das er für undenkbar hielt: das eines schwulen Profifußballers. Nie hätte er das für möglich gehalten, als er am 14. Februar den Brief im Netz publizierte. Kurz zuvor löste er seinen Vertrag mit Leeds auf und tauchte in London unter. Es ging ihm gut, „aber von 25 Jahren Angst erholt man sich nicht von heute auf morgen“.

In den Tagen danach war er überwältigt von der Unmenge an Gratulationen aus Europa, den USA und Asien. Sein Coming-out hatte ihn auf einen Schlag berühmter gemacht als all seine fußballerischen Leistungen. Ja, es gab auch hässliche Mails. Doch die, sagt Rogers, hätten ihn nicht beschäftigt. Gerührt hätten ihn Mails junger Sportler, die um Rat baten, ob sie ihre Homosexualität offenlegen sollten. Zu seiner Enttäuschung meldete sich kein einziger bekannter Fußballer, der sagte, er wisse, wovon Rogers rede. „Rein statistisch“, sagt er heute mit leisem Spott, „muss es auf der Welt doch tausende schwuler Fußballer geben.“

Deren Schweigen ist keine Überraschung. Vor Robbie Rogers gab es einen einzigen Profi, der seine Homosexualität offengelegt hatte, ehe er seine aktive Karriere beendete: Justin Fashanu, der als erster schwarzer Fußballer in England Millionär geworden war. Er taugte schlecht für den Abbau von Homophobie im Fußball. Fashanu prahlte nach seinem Coming-out in den Medien über Affären mit konservativen Parlamentsmitgliedern und erhängte sich 1998, acht Jahre nach seinem Bekenntnis, schwul zu sein, als man ihn wegen sexueller Nötigung eines Minderjährigen anklagte. „Fußballer sind sehr engstirnige Menschen“, sagte er kurz vor seinem Tod.

Längst kursieren im Internet Gerüchte über die Homosexualität von Spielern. Offiziell bleibt es ein Tabu. Zwar können Schwule je nach Land heiraten, Partnerschafts-Verträge schließen und Kinder adoptieren – im Sport herrscht zum Thema Homosexualität nach wie vor das große Schweigen. Im Oktober 2012 outete sich der puertoricanische Boxer Orlando Cruz, im April dieses Jahres der US-Basketballspieler Jason Collins, und vor einigen Wochen hat der britische Olympia-Turmspringer Tom Daley gestanden, er sei in einen „Kerl“ verliebt. Drei von vielen.

Warum es Schwule im Sport schwer haben? „Ich erinnere mich an Spieler in England“, erzählt Rogers, „die in der Umkleidekabine über Schwule höhnten und sagten: Wenn die mit uns duschen dürfen, wollen wir auch Mädels hier haben. Ich dachte: Mann, ihr habt keine Ahnung! Ich habe mein ganzes Leben lang mit Männern geduscht. Nicht ein Mal war es erregend. Das sind die Jungs aus deinem Team. An etwas anderes denkst du nicht.“

Ist Fußball ein schwulenfeindlicherer Sport als andere? „Ich glaube nicht“, sagt Robbie Rogers mit seiner sanften Stimme. Er ist auch nach seinem Coming -out öffentlich zurückhaltend geblieben, gab nur ausgesuchte Interviews. Als er am 26. Mai erstmals für die Kalifornier spielte, saß er 77 Minuten auf der Bank und wurde eingewechselt, als sein Team 4:0 gegen Seattle führte. Das Publikum, mehrheitlich Latinos, begrüßte ihn mit höflichem Beifall. Es gab keine Transparente für oder gegen ihn, „einzig die Anwesenheit des TV-Klatschmagazins OMG (Oh My God) bei einem Fußballspiel schien leicht abwegig“, schrieb die „New York Times“.

Ein Treffen in L.A.? Nein, das lehnt er lange ab. Es dauert Wochen, bis er sich zu einem Telefongespräch bereit erklärt, für das er sich dann aber ausführlich Zeit nimmt. „Wenn du deine sexuelle Orientierung ein Leben lang verschwiegen hast, hinterlässt das Narben. Du wirst überempfindlich“, sagt er. Mit zehn habe er geahnt, dass er anders sei, ohne es benennen zu können. Mit 14 wusste er, dass er schwul ist. Er sprach mit niemandem darüber. Bis zu seinem Coming-out habe er kein Verhältnis mit einem Mann gehabt, nie eine Schwulenbar betreten.

Der Kalifornier stammt aus einer streng katholischen und konservativen Familie. Sein Schweigen, sagt er, habe sowohl mit seiner Erziehung wie mit Fussball zu tun gehabt. „Ich dachte, beides sei sei nicht vereinbar mit Homosexualität. Und da ich weder meine Familie noch den Fußball verlieren wollte, war ich sicher, es sei mein Schicksal, mein Schwulsein ein Leben lang verleugnen zu müssen.“ Also sprach er gelegentlich von Mädchen in der Umkleidekabine, hatte im College eine Freundin, bis er merkte, „dass ich nicht in sie verliebt war, sondern nur in die Vorstellung, dass ich wie meine Geschwister heiraten und Kinder haben könnte.“

Das Lügen, sagt er, habe den Krampf im Bauch mit jedem Jahr schlimmer gemacht. „Natürlich hatte ich Spaß. Aber ich konnte nie ich selbst sein, fühlte mich permanent als Heuchler. Ich hatte immer Angst, mich durch irgendeinen Satz oder eine Geste zu verraten, und das verdirbt jede Freude. Es ist, als könntest du von allem immer nur einen kleinen Teil genießen, selbst wenn das Leben gerade großartig ist. Während meine Kollegen in der Kneipe gewonnene Spiele feierten, saß ich meist allein zu Hause und brütete.“

Zur Angst kam ein immer größerer Frust: Warum tue ich mir das an? Drei Monate vor seinem Internet-Brief gestand er seiner Familie, dass er schwul sei. „Das ist mir egal“, sagte seine Mutter, „wir lieben dich.“ Sein Vater und seine Geschwister hätten genauso reagiert. „Alles, wovor ich Angst gehabt hatte, fand nicht statt.“

Im Mai, ein Vierteljahr nach seinem angekündigten Abschied vom Fußball, unterschrieb der Kalifornier einen Vertrag bei Los Angeles Galaxy, jenem Verein, dem David Beckham einst Glamour verlieh. Das Verblüffendste an seinem Antrittsspiel, zu dem seine gesamte Familie angereist war, ist in Rogers’ Erinnerung, wie normal ihm alles vorgekommen sei. Er hatte schon als Junior im Galaxy-Stadion gespielt und war froh, wieder zurück zu sein. Seit dem Sommer ist er mit Hollywood-Produzent Greg Berlanti zusammen. Öffentlich schwul zu sein sei für ihn wie gehen zu lernen, sagt er kichernd, er müsse es Schritt für Schritt lernen.

Die Herrenwitze in der Kabine halten sich in Grenzen. „Ich sehe, wie sich meine Kollegen bemühen, wenn ich dabei bin. Sie versuchen wirklich, mich zu unterstützen. Aber manchmal fallen nach wie vor sehr schwulenfeindliche Bemerkungen, die niemandem außer mir auffallen. Leider macht sie das nicht weniger verletzend.“

In wenigen Wochen wird das Thema „Schwule und Sport“ ein weltweites werden: Dann treffen sich Athleten zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi. Im Lande von Wladimir Putin werden Homosexuelle massiv diskriminiert. Robbie Rogers quälen noch ganz andere Sorgen. Diese Saison fiel er häufig aus, Oberschenkelmuskulatur, Darminfektion, Trainer Bruce Arena erwartet bessere Kondition von ihm. Robbie Rogers sagt: „Ich will der fitteste Mann auf dem Platz sein.“

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