Kultur : Drei Wale und kein Eisbär

Die Galerie Sperl zeigt Werke von Sybille Junge und Rainer Sperl – in beiden spielen Tiere eine Rolle

Gerold Paul
Buntes Spiel mit den Verweisen: Auf Sybille Junges Arbeit „Auszug der bedrohten Arten“ vermischt sich die Idee der Arche mit dem Untergang der „Titanic“.
Buntes Spiel mit den Verweisen: Auf Sybille Junges Arbeit „Auszug der bedrohten Arten“ vermischt sich die Idee der Arche mit dem...Foto: Promo/Galerie Sperl

Irgendwo in diesem Leben gibt es eine externe Provinz, nicht weit genug weg von der Erde, nicht dicht genug dran am utopischen Paradies. Normale Leute erreichen sie nur, wenn die Muse sie küsst, oder ein Künstler. Letztere kommen ja höher hinauf, wenn sie ihr Amt wirklich ernst nehmen. Von solchen Gefilden erzählt die aktuelle Ausstellung in der Sperl Galerie am Nikolaisaal.

Die Potsdamer Malerin Sybille Junge hat sie doppeldeutig „frei sein“ betitelt. Einerseits war sie so frei, die einfachsten Dinge der Welt in solcher Gestalt zu malen, wie es kein Mensch außer ihr zu sehen und zu fassen versteht. Selbst der gebildete Stand verliert davor seinen Rundlauf, weil diese Art in gar kein Bild passt. Zum anderen begehrt man nach Sokrates ja immer nur das, was man nicht hat. „Frei sein“ heisst also auch „frei sein wollen“. Genau davon erzählen die wunderbaren Bilder im Kassenraum des Nikolaisaals, im Treppenaufgang zur Galerie, und natürlich in deren Räumen.

Sybille Junge ist ausgebildete Holzbildhauerin, hat zwischenzeitlich im Requisitenfundus der Defa-Studios gearbeitet. Quirlig, authentisch, poetisch, naiv, so beschreiben manche die gebürtige Thüringerin – und genau so male sie auch. Ihre Stoffe entnimmt sie dem eigenen Blick und Erleben, vielleicht einer Zeitungsnotiz. Was sie daraus macht, lässt sich mit unbekümmert nicht treffend beschreiben, es ist nicht einmal naiv.

Wie der Lyriker Thomas Kunst spielt auch sie mit dem Material, als ob es Ideologien oder überhaupt feste Gefüge nicht gäbe. Bei ihr tanzen die Bilder, ebenso die Farben, die großen und kleinen Häuser, die Luftballons und Zahlen, und niemand käme auf den Gedanken, dass das ja rein physikalisch gar nicht möglich ist. Reine Poesie, das ist es. Bloß keine schlauen „Ismen“, bloß keine Namensvergleiche, Sybille Junge ist ein Original, sie malt Originale – und ist mit nichts zu vergleichen. Ihr Malstil wirkt einfach, ist in Wahrheit aber sehr kompliziert. Ihr Kompositionstalent so beeindruckend wie ihre ganz persönliche Farblehre oder ihre wunderbaren Details. Wer so malt, hat es sich wahrlich nicht einfach gemacht. Diese Bilder schweben zwischen Himmel und Erde, sie sind auf der Suche nach Utopia. Nach Freiheit eben.

Wie in jedem Spiel steckt also auch bei dieser Kunst Ernst und Wahrhaftigkeit dahinter. Wie auf dem Bild „Auszug der bedrohten Arten“: Als die Tiere dort ihren Weggang beschlossen haben, ist ihre Arche soeben untergegangen, wie die Titanic. Drei rotgepunktete Giraffen ertrinken bei einem Windrad und ein Maler scheint darüber todtraurig. Und wenn bei Sybille Junge Wale stranden – zwei von ihnen sieht man, die Malerin titelt „drei“ – bleibt der Sonnenuntergang schön. Auf einem anderen Bild lässt sie auf altägyptische Art ein Kreuzworträtsel verreisen, dann wieder zeigt sie drei harlekine Musikanten am Strand – ein Gruß an den italienischen Regisseur Fellini. Sich selbst sieht sie mal mit zwei ganz unterschiedlichen Gesichtshälften, oder mit einem Hut schräg über dem Ohr, als wolle sie – eines von sechs aus Grimms Märchen – gut durch die ganze Welt kommen. Dazu Häuser über Häuser, große und kleine. Intensiv leuchten diese Bilder, meist in Öl, kompakt und poetisch sowieso: Sybille Junge ist eine redliche Geschichtenerzählerin und verfügt über einen ungeheuren Farbenfrohsinn. Sie bringt Dinge wieder zusammen, deren Miteinander die rationale Welt längst eliminiert sehen will. Nicht zuletzt darf man dieser Frau noch ein Kompliment machen, das letzte sicherlich nicht. Was sie malt, ist schön, weil poetisch, poetisch, weil einfach schön. „Einfach und schön“ war ja früher mal das Ideal aller Kunst.

Ein Kompliment deshalb auch die Galerie Sperl. Einen Abstecher in die Schaufenster-Galerie neben dem Schloss sollte man sich deshalb gleich mit leisten. Rainer Sperl zeigt hier „SaTiere“ in Form von skurrilen Objekten aus Gesellschaft, Alltag und Politik. Er nimmt Worte wie „Schweinemast“ oder „Narrenkäfig“ zum Vergnügen des Betrachters wortwörtlich, zugleich leisten vogelgleiche Spione auf Telegrafenmasten moderne Abhörarbeit. Angesichts der medialen Hysterien schuf er einen verzweifelten Polarbären mit dem Schild „Ich möchte kein Eisbär sein“. Das alles muss man gesehen haben, auch wenn die wirklich Verrückten sich davon kaum beeindrucken lassen werden. Der größere Rest der Welt sollte es trotzdem und unbedingt beide Ausstellungen sehen. Frei sein, frei sein wollen, das geht ja immer nach innen – wo also ist die gesuchte Provinz?

„Frei sein“ von Sybille Junge ist noch bis zum 27. April in der Galerie Sperl, Wilhelm-Staab-Straße 10/11, zu sehen, geöffnet ist immer mittwochs bis sonntags von 12 bis 18 Uhr

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