Kultur : Direkt und bewegend

Hauseigene Produktion „4,5cm neben dem Glück“ feierte Premiere auf dem Theaterschiff

Daniel Flügel
Nur noch Erinnerung an ein alltägliches Glück. Bob Schäfer als Soldat Sven mit seiner Frau Anna, gespielt von Irene Ossa Moyzes.
Nur noch Erinnerung an ein alltägliches Glück. Bob Schäfer als Soldat Sven mit seiner Frau Anna, gespielt von Irene Ossa Moyzes.Foto: Theaterschiff

Der Krieg in Afghanistan ist weit weg, nicht greifbar. Nur einige Schlagzeilen, Archivbilder und Worthülsen erzählen davon, meist erst wenn Soldaten der Bundeswehr, die dorthin auf „Friedensmission“ geschickt worden sind, ihr Leben verloren haben. Wie Sven zum Beispiel, ein Zeitsoldat, Familienvater, Eigenheimbesitzer und Opfer eines Sprengstoffattentats, als er gerade zusammen mit drei Kameraden in einem Jeep saß und kurz vor der Heimreise verstarb. So erst dringt dieser Krieg in die deutschen Wohnzimmer, erreicht er Anna, die unter Mühen an den Ort des Geschehens reist, um sich zu verabschieden, damit der Tod ihres Mannes kein Abstraktum bleibt und um zu zeigen, dass Hier und Dort keine zwei verschiedene Welten sind.

Es ist diese starke Schlussszene, die bewegt und der lang anhaltende Applaus, der den Erfolg des Stückes „34,5cm neben dem Glück“ bescheinigt, das am Freitagabend an ausverkauftem Bord des Theaterschiffs seine Premiere feierte. Diese neue, unter der Regie der Künstlerischen Leiterin Martina König aufgeführte und mit hauseigenen Schauspielern besetzte Produktion besticht nicht nur durch ihren ernsthaften und ehrlichen Grundton und ihr Tempo. Auffällig ist auch die Leichtigkeit, mit der die Darsteller agieren, wenn sich Sven, gespielt von Bob Schäfer, im Hanteltraining übt, während seine von Irene Ossa Moyzes überzeugend gut gespielte Frau Anna in genauem Abstand von 34,5 Zentimeter Setzlinge für eine Hecke pflanzt und sich die beiden schon das Weihnachtsfest ausmalen. Fast scheint es, als kämen die Dialoge spontan, so echt wirkt etwa die Bestürzung über Svens plötzliche Mitteilung, er sei über Weihnachten nach Afghanistan abkommandiert worden. Auf dem Theaterschiff liegt das gleich nebenan, unmittelbar links neben den Heckenpflanzen.

Das Bühnenbild ist bemerkenswert. Längs Steuerbord, auf halbem Weg zwischen Heck und Bug, spielen sich diesmal die Dinge ab, mehr in aussagestarken Bildern als in zähen, gar moralisierenden Texten. Von Dunkelheit wie durch rasche Filmschnitte unterbrochen wechseln die Szenen, wird Sven gezeigt, wie er nun in Tarnmontur auf Sandsäcken sitzt und Bier trinkt, derweil sein Kamerad Dirk, gespielt von Mario Neubert, Zoten reißt und sich auf den Schenkel schlägt. Der Alltag im Kriegsgebiet. Beinahe komisch überspitzte Männlichkeitsrituale, um sich seelisch Mut zu machen angesichts der täglichen Gefahren, gehen in kindliches Getobe über, arten in betäubende Besäufnisse aus, nachdem sich ein Kamerad das Leben nahm, weil ihn die Frau daheim verlassen hat. Nur manchmal, etwa auf Nachtpatrouille, reden sie auch über ihre Emotionen, ihre Träume und Ängste, und wenn Sven mit Anna telefoniert, existiert die Entfernung nicht. Dann trennt keine Wand ihre Welt, was auf der Bühne buchstäblich sichtbar wird.

Als eine gewaltige Explosion, gefolgt von nachlassenden Herztönen, über das Deck polternde Schritte und Schreie die Dunkelheit erfüllen, in der die Zuschauer währenddessen sitzen, hat die Darbietung ihren Höhepunkt erreicht. Ein wirksamer Effekt, der innerlich mehr freisetzt, als es nachgestellte Szenen an dieser Stelle vermögen. Es ist dieses Erlebnis, das die Stabsärztin Heike Groos traumatisiert und sie dazu gebracht hat, ihre Einsätze in Afghanistan in ihren Büchern zu verarbeiten. Tatsachen, auf denen auch das Stück „34,5cm neben dem Glück“ beruht und in dem Karen Schneeweiß als Judith diese Stabsärztin spielt. Als Vorgesetzte sondert sie sich von den anderen ab, betrinkt sich allein und monologisiert, dass sie „weitermachen“ müsse und keine Schwäche zeigen dürfe. Eine kurze, einfache Szene, die jedoch mit schmerzlicher Deutlichkeit eine unbekannte, weil menschliche Sichtweise auf die Ereignisse in Afghanistan vermittelt. Darin besteht insgesamt die große Leistung des Stückes.

Wieder am 2. September, 20 Uhr, auf dem Theaterschiff

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