Kultur : Diffuse Erinnerungssplitter

Ina Borrmann beim Aktuellen Filmgespräch

Astrid Priebs-TrögerD

In diesem Jahr erlebt die (ost)deutsche Erinnerungskultur Hochzeit. Auch die 1970 in Freiberg geborene Regisseurin Ina Borrmann steuert ihren Teil dazu bei. 2008 präsentierte sie bei den Internationalen Hofer Filmtagen ihren dokumentarischen Essay „Das Verschwinden der Zeit“. Am Dienstagabend waren sie und ihr Kameramann Sebastian Hattop beim Aktuellen Potsdamer Filmgespräch im Filmmuseum zu Gast.

Ihrem Filmessay ist ein Zitat des Dichters Jean Paul vorangestellt: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“. Wie gut, möchte man meinen. Gerade, wenn man hierzulande aufgewachsen ist und seit der Wiedervereinigung nahezu jeder Ort sein Gesicht verändert hat.

Wut und Trauer, dass Orte einfach verschwinden, sagte die Regisseurin im anschließenden Gespräch, seien anfangs auch der Auslöser gewesen, sich ihrer sächsischen Heimatstadt, die sie unmittelbar nach der Wende in Richtung München verließ, nach zwei Jahrzehnten wieder filmisch zu nähern.

Aber noch etwas anderes kommt hinzu. Mit sechzehn erlebte sie hier ihre erste große Liebe. In ihrem sehr persönlichen Film spürt sie dieser Erfahrung in großer epischer Breite nach. Mitunter so breit, dass man sich als Zuschauer unwohl dabei fühlt und fragt, wohin das eigentlich führen soll. Denn es kommt, was (fast immer) kommen muss. Ihr idealisiertes Jungmädchenbild wird in einer kurzen Sequenz, mit zwanzig Jahren Abstand gedreht, banal brutal zerstört. Ihr Freund, damals Sänger in einer stadtbekannten Rockband, tritt heute als Westernhagen-Double auf, und erinnert sich nur oberflächlich, jedoch mit unverkennbarem Besitzerstolz an sie.

Auch andere Illusionen werden in diesem assoziativ geschnittenen Filmessay immer wieder zerstört. Die Puzzleteile aus historischen und gegenwärtigen Stadtansichten, Gesprächsfetzen, Briefzitaten und literarisch-philosophischen Erinnerungskommentaren sollen in ihrer Gesamtheit keinen Sinn, sondern, wie Regisseurin Ina Borrmann sagte, vor allem eine Stimmung ergeben. Als Zuschauer hat man jedoch oft genug damit zu tun, herauszufinden, auf welcher Zeitschiene er sich gerade befindet. Auch wenn die Verknüpfung von farbigem Archivmaterial beispielsweise von der 800-Jahr-Feier der Stadt Freiberg, einer Fotostory in Schwarz-Weiß (Harald Hauswald) und den kongenialen Bildern einer eigens für diesen Film entwickelten Röhrenkamera (Ina Borrmann) ein ästhetisch sehr gelungenes Bild ergeben.

In seiner Gesamtheit wirkte der Film jedoch diffus und bei der Auswahl weiterer Protagonisten, wie dem esoterischen Lichtesser Gero, dem übrig gebliebenen Imker aus Langenau oder der alten einsamen Frau und dem „der ist so DDR“- Katzenmann ziemlich willkürlich.

So hatte aus dem Publikum im Anschluss auch niemand wirklich das Bedürfnis, wie von Moderatorin Jeanette Eggert mehrmals angeregt, öffentlich von der eigenen ersten Liebe oder der alten Heimat zu erzählen. Astrid Priebs-Tröger

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