Kultur : Die zertretenen Seelen

Grit Poppe las aus „Weggesperrt“.

Astrid Priebs-Tröger

Niemand klatschte als Grit Poppe aus ihrem gerade erschienenen Roman „Weggesperrt“ zwei Passagen gelesen hatte. Denn schon diese Episoden reichten aus, um klarzumachen, wie bedrückend, demütigend und verletzend der Alltag in einem sogenannten Jugendwerkhof der DDR für dessen Insassen gewesen sein muss. Und: Jeder konnte da – ohne jedes Gerichtsurteil – hineinkommen, der aus irgendeinem Grund nicht ins Bild der propagierten „sozialistischen Persönlichkeit“ passte.

Die am Donnerstagabend in der Gedenkstätte Lindenstraße zur Buchpremiere anwesenden ehemaligen Insassen des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau, Kerstin Kuzia und Stefan Lauter, erzählten von ihren ganz unterschiedlichen Leidenswegen: Kuzia wurde im Alter von sechs Jahren von ihrer überforderten Mutter in die Kinderpsychiatrie abgeschoben und durchlief bis zur Volljährigkeit mehrere Heime und schließlich auch den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Lauter, der aus einem kommunistisch geprägten Elternhaus stammt, ist mit 16 aus der FDJ ausgetreten, woraufhin sich seine Eltern von ihm distanzierten. Er wurde in einen Jugendwerkhof eingewiesen, wehrte sich dagegen und landete schließlich ebenfalls in Torgau. Bis 1989 waren dort etwa 4500 Jugendliche eingesperrt; in den 60 „offenen“ Werkhöfen der DDR arbeiteten und lebten von 1950 bis 1989 mehr als zwanzigmal so viele.

Beide und auch weitere anwesende Zeitzeugen, die beispielsweise das Arbeitslager Rüdersdorf durchliefen, erzählten bewegend im übervollen Saal in der Lindenstraße, mit welcher Willkür solche Einrichtungen funktionierten und wie alles daran gesetzt wurde, systematisch den Willen der Jugendlichen zu brechen. Einzelarrest, „Desinfizierung“, Sprechverbot und Kontaktsperre, Akkordarbeit und Gruppenstrafsport waren Methoden, mit deren Hilfe nicht wenige Jugendliche irgendwann von der eigenen „Schuld“ überzeugt waren und nach ihrer Entlassung alles daran setzten, um keinen Preis wieder aufzufallen. Bis heute haben nur etwa zehn Prozent von ihnen einen Antrag auf Entschädigung gestellt.

Kerstin Kuzia erzählte, wie sie nach ihrer Entlassung und der zwei Jahre später folgenden Mutterschaft ständig in Panik lebte, dass sie – bis 21 war das möglich – nach Torgau zurück müsse und man ihr das eigene Kind wegnehmen würde. Stefan Lauter sagte, dass er mit dem „Kainsmal“ Torgau und einem Vermerk in seiner Kaderakte in der DDR nur Hilfsarbeiter werden konnte und dass es ihm bis heute nicht gelänge, jemandem wirklich hundertprozentig zu vertrauen. Beide sind froh, dass sich Grit Poppe als erste diesem tabuisierten Thema – die Inhaftierten mussten bei ihrer Entlassung eine Schweigevereinbarung unterschreiben – zugewendet und „Weggesperrt“ für Jugendliche und Erwachsene geschrieben hat.

Die Hauptheldin Anja wird als 14-Jährige in ein Durchgangsheim und später in einen Jugendwerkhof gebracht, weil ihre Mutter einen Ausreiseantrag stellte. Nach missglückter Flucht und einem „Ausraster“ gegen eine Erzieherin kommt auch sie in die geschlossene Anstalt. Die Potsdamer Schriftstellerin hat in ihre spannende und fiktive Geschichte die Erinnerungen vieler Zeitzeugen eingearbeitet. Doch neben den detailliert geschilderten Schauplätzen, den Hausregeln und Zwangsmaßnahmen entwickelt Gritt Poppe auch eine berührend zu lesende Beziehungsgeschichte zwischen Anja und Tom, die es jungen Lesern von heute ermöglicht, vor allem emotional in diese Geschichte einzusteigen, die sehr plastisch neben Angst und Verzweiflung auch den Trotz und Widerstandswillen ihrer Protagonisten spiegelt. Und das braucht es, um dieses bisher kaum beleuchtete Kapitel DDR-Geschichte so aufzubereiten, dass auch die Nachgeborenen sich dafür interessieren. Ein Glossar und eine Chronik der Ereignisse der Friedlichen Revolution von 1989/90 erleichtern dabei die Orientierung. Astrid Priebs-Tröger

Grit Poppe „Weggesperrt“, Cecilie Dressler Verlag GmbH, Hamburg 2009, 9,95 Euro

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