• „Die Welt ist erschütternd genug“

Kultur : „Die Welt ist erschütternd genug“

Der musikalische Leiter des Neuen Kammerorchesters Potsdam, Ud Joffe, spricht über die Macht der Musik

Foto: Sebastian Gabsch

Herr Joffe, im Rahmen der Ufa-Filmnächte begleiten Sie am Freitag mit dem Neuen Kammerorchester Potsdam die Filmvorführung von „Der Medicus“ musikalisch. Wie bereiten Sie sich als künstlerischer Leiter des Orchesters darauf vor?

Nun, zunächst einmal sehe mir den Film sehr oft an, um ein Gefühl für seine Stimmung, seine Emotionalität zu bekommen. Sechs bis sieben Mal habe ich ihn ungefähr angeschaut.

Das ist beachtlich, der Film dauert fast drei Stunden. Haben Sie sich irgendwann gequält?

Nein. Es hat viel Zeit gekostet, eineinhalb Wochen sind schon investiert, aber gequält habe ich mich nicht. Man muss ein Kunstwerk erproben, wenn man an einem solchen Projekt teilnimmt – oder eigentlich immer.

Wie meinen Sie das?

Wenn ich sonst beispielsweise ein Oratorium vorbereite, probe ich jede Stelle Dutzende Male. Ich höre dann auch nicht immer auf das Gleiche. Beim ersten Durchgang höre ich auf die gesamte Musik, beim zweiten höre ich, wie die Klangfarbe wirkt, dann die einzelnen Motive, besonders expressive Intervalle und so geht das Schritt für Schritt weiter. Das ist ja das Schöne an der Kunst, man kann sich ganz in ihr vertiefen.

Musik hat viel Einfluss auf die Stimmung eines Films ...

Oh ja, die Musik entscheidet in höchstem Maße, wie eine Filmszene wirkt. Ein und dieselbe Szene kann eine völlig andere Bedeutung bekommen, wenn nur die Musik geändert wird. Stellen Sie sich vor, ein Mann betrachtet ein Haus. Mit einer melancholischen Melodie sieht es so aus, als würde er das Haus von früher kennen und sich erinnern. Mit einer dynamischeren Musik wiederum könnte er ein Einbrecher sein und so weiter.

„Der Medicus“ spielt zum großen Teil im Persien des 11. Jahrhunderts, spiegelt sich das in der Musik wider?

Die Musik ist zwischen Orient und Okzident angesiedelt, sie kommt aber schon aus einem abendländischen Klangkörper. Wir hören keine orientalischen Instrumente wie etwa die Sitar. Allerdings gibt es musikalische Figuren, die orientalisch sind und die eine lange Tradition in der Musikgeschichte haben. Elemente des Orientalismus begegnen uns im europäischen Raum seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder. Von Borodin, über Grieg bis Ravel. Oder auch schon bei Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“. Dort sind es natürlich nur kleine Details, die große Tonsprache ist abendländisch. Die Filmmusik darf sich dahingehend stärker ausdrücken.

Aber muss sich gerade Filmmusik nicht auch sehr zurücknehmen?

Teils, teils. Manchmal muss sie den ganzen Effekt übernehmen, oft ist sie aber auch dienerisch und darf den Szenen die Show nicht stehlen. Letztendlich ist die Musik auch wie ein Schauspieler, der wissen muss, wann er sich zurücknehmen muss.

Heißt das, Sie müssen sich bei der Live-Begleitung auch etwas zurücknehmen?

Ich weiß, dass ich bei dieser Veranstaltung nicht der wichtigste Mensch bin und stelle keine Ansprüche. In letzter Instanz kann der Tonmeister immer den Regler runterfahren. (lacht) Bei diesem Film müssen wir auch nicht ganz so präzise arbeiten, wie etwa bei Trickfilmen oder Filmen von Charlie Chaplin.

Die das Orchester auch schon begleitet hat ...

Genau, das war 2011 in Berlin und da kam es darauf an, dass jeder Ton zur jeweiligen Bewegung passte. Bei „Der Medicus“ ist natürlich auch Präzision gefragt, aber etwas gelockerter.

So wie das Konzertambiente?

Definitiv. Das Schöne an Open-Air-Konzerten wie diesen ist, dass das Publikum sich auch etwas mehr entspannen kann. Nicht ganz so sehr wie in der Chinesischen Oper, aber doch ein wenig.

Was passiert denn in der Chinesischen Oper?

Ich war vor vielen Jahren, ich glaube 1997, mit meiner Frau in Sichuan unterwegs und habe eine Opernvorstellung besucht. Das Publikum hat dort die ganze Zeit gelebt: Es ist aufgestanden, hat Knabbereien gegessen, gesprochen. Das war schon sehr lustig, funktioniert leider so nicht bei uns.

Warum?

Unsere Kunst, unsere Musik hat sich kulturell anders entwickelt. Kontemplative Musik, höchst komplex, wie zum Beispiel von Johann Sebastian Bach sollte schon konzentriert ausgekostet werden. Aber ich finde, es sollte variiert werden. So wie wir es in der anstehenden Saison des Neuen Kammerorchesters auch tun werden, indem wir „Salonkonzerte“, Open Airs und Ähnliches anbieten. Verschiedene Stimmungen mit verschiedenen Dramaturgien. Das ändert sich auch über die Jahre.

Inwiefern?

Je nachdem, wie man die Musik anlegt, kann man den Hörer erschüttern, entspannen oder unterhalten. Wenn ich vor zehn Jahren noch das Gefühl hatte, das Publikum sollte erschüttert werden, so ist heute die Welt erschütternd genug. Ich will gerade mehr Halt und Trost vermitteln.

Auch am Freitagabend?

Für dieses Konzert wünsche ich mir eine entspannte, wohltuende Atmosphäre. So eine Filmvorführung ist auch immer ein soziales Event. Die Leute kommen mit Freunden, sie unterhalten sich mit ihnen über den Abend. Es ist eher ein allumfassendes Erlebnis, zu dem die Musik ihren Teil beiträgt. Und das gute Wetter hoffentlich auch!

Das Gespräch führte Sarah Kugler

Ud Joffe, 49, ist künstlerischer Leiter des Neuen Kammerorchesters Potsdam. Außerdem ist er musikalischer Leiter an der

Erlöserkirche und

Vorsitzender der

Synagogengemeinde.

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