Kultur : Die Seele und die Staffelei

Malausflüge bei Wind und Wetter: Eine Ausstellung im Kulturministerium zeigt Arbeiten der Potsdamer Künstlerin Bettina Hünicke

Suchbild. Aquarell „Wittenberge mit Mann“ von Bettina Hünicke.
Suchbild. Aquarell „Wittenberge mit Mann“ von Bettina Hünicke.Foto: A. Klaer

Wo ist hier der Mann? Auch beim genauen Hinsehen schält sich aus dem weich fließenden Farbenmeer keine Person heraus. Die Künstlerin führt uns offensichtlich auf eine falsche Fährte. Ihr Aquarell „Wittenberge mit Mann“, das in der vielstimmigen Ausstellung “Gottesgnaden“ derzeit im Kulturministerium zu sehen ist, erzählt indes sehr viel über die Malerin selbst: über Bettina Hünicke und ihre Liebe zum Verborgenen, zum Hintersinnigen. Sie mag das Geheimnisvolle, die Tiefe in der Leichtigkeit.

Wenn die Potsdamer Malerin bei Wind und Wetter unverdrossen hinauszieht mit ihrer Staffelei, geht es ihr nicht darum, die Natur abzubilden. Das Wasser, die Bäume, der Himmel sind die Türöffner zu den eigenen Zimmern. Ist es dort gerade düster, sucht sie die menschenleere Zurückgezogenheit, um die Farben abseits des Trubels aufzutragen. Wird sie indes vom Gefühl getragen, gerade Bäume ausreißen zu können, geht sie auch mal auf die belebte Strandpromenade. Es muss sie anspringen, das Motiv: spontan und ohne Berechnung. Das kann vor der eigenen Haustür an der Nuthe sein, irgendwo in einem fernen Land oder eben in Wittenberge an der Elbe. Bettina Hünicke erinnert sich an eine Situation ganz besonders: Als sie zur Insel „Gottesgnaden“ bei Calbe an die Saale fuhr, dort, wo es so ein anderes, helleres Licht gibt als hier im Märkischen, wo nicht mit Backsteinen und Ziegeln gebaut wurde, sondern mit Kalksandstein. Dorthin ging es auf einen ihrer sorgfältig geplanten Malausflüge. Als hauptberufliche Restauratorin und Farbgestalterin muss sie sich den Freiraum für ihr „Spielbein“ freischaufeln.

Kaum dass sie aus dem Auto gestiegen war, „hat es Zoom gemacht“, zitiert sie lachend Klaus Lages Liedzeile. Ihr „Zoom“ war ein tiefer, weiträumiger Blick an der Klostermauer entlang, dem wir jetzt in ihrem Bild „Ferne“ nachspüren können. Es war in dem Moment genau die richtige äußere Form, um ihrem Inneren Ausdruck zu geben. Darüber denkt sie allerdings erst hinterher nach. Das Malen ist immer ein intuitiver Akt des Fallenlassens: ein Abenteuer ohne Gewissheit. Das Ende ist nie vorhersehbar. Manchmal erschrickt es sie, weil es vielleicht zu düster, zu intim ist, was sich dort Bahn bricht. Aber sie hat gelernt, auch diese Situationen zuzulassen. Der Wind, die Sonne, der Regen, die Hitze, der Frost – sie alle geben ihr Sicherheit. Sie sind ihre Partner. Mit ihnen ist sie im Zwiegespräch: auch wenn die Finger klamm sind vor Kälte, die Sonne des Südens auf sie herabbrennt oder sich Regentropfen mit auf das Papier mischen. Sie hat eine gute Gesundheit, sei hart gesotten, sagt sie, um diese unerlässlichen Strapazen durchzustehen. Die körperlichen Herausforderungen malen wie vertraute Schatten mit an den Bildern ihres Seins.

Die Arbeit als Restauratorin kommt ihr dabei durchaus zugute: auch da geht es um Struktur, um detektivische Eigenschaften, um das Aufspüren des Dahinters – so wie beim freien Malen. Doch der große Unterschied ist, dass es beim Malen um das Ergründen der eigenen Seele, der eigenen Emotionen geht und nicht um das Einfühlen in das jeweilige Temperament der Malerkollegen.

Sie kennt sie alle, die großen Künstler von einst, befasste sich mit Reproduktionen und Originalen, und mag einen ganz besonders: Edvard Munch. Auch er fand in der Landschaft den Spiegel seines Ichs. Und wusste wie Monet, Cézanne oder Van Gogh um die Schönheit von Aquarellfarben. Bettina Hünicke bevorzugt diese Technik ganz besonders, diese reinen Farben, „die wie ein Opal leuchten“.

Aber sie zeichnet auch gern, mit Kohle auf Achatpapier oder greift wie bei einer Reise in den französischen Alpen zu Japantusche. Dort, hoch oben in der Kälte, führte sie die schwarze Flüssigkeit sanft übers Seidenpapier. In großen Schwüngen, als würden Federwolken über das Bild tanzen. „Der Winter ist grafischer“, sagt sie. Und gibt ihm mit der gleichen Intensität Raum wie dem griechischen Hitzeflimmern in „Kimolos“: in der streng gebauten Stadt, die durch die Wärme förmlich aufgeweicht wird.

Die 1961 in Berlin-Mitte geborene Künstlerin, die an der Fachschule für Werbung und Gestaltung in Potsdam studiert hat, weiß um die Kraft der Komposition, um den Zusammenklang der Kontraste von Groß und Klein, Rund und Eckig, Pastos und Pastell. Sie spürt ihnen nach, vom Kopf bis zur Fußspitze, immer im Stehen. Nur dann bleibt sie in Bewegung für ihre „Seelenlandschaften“, die sich dank der Natur ihren Weg aufs Papier oder die Leinwand bahnen. In dem großen Atelier unter freiem Himmel.

In Wittenberge malte Bettina Hünicke in launiger Frische. Hochkonzentriert. Bis sie ganz ungeniert von einem Mann angesprochen wurde. Vorbei war es mit dem Malfluss. An einem späteren Tag zur gleichen Zeit aquarellierte sie ihr Bild zu Ende: ihr „Wittenberge mit Mann“. Ohne Frust. Sie mag durchaus spontane Begegnungen an der Staffelei, die Geschichten, die ihr dabei so offenherzig erzählt werden. Aber doch erst lieber, wenn sie den Pinsel zur Seite gelegt hat. Heidi Jäger

Die Ausstellung ist bis zum 7. April von 7 bis 17.30 Uhr im Kulturministerium, Dortustraße 36, zu sehen