Kultur : Die Schönheit der Schöpfung

Die Künstlerin Maren Simon reagiert mit ihrer Ausstellung „Im Güldenen Arm“ sensibel auf Mensch und Umwelt

Richard Rabensaat
Das Äußere spiegelt das Innere. Friedrich II. mit seinen Windspielen.
Das Äußere spiegelt das Innere. Friedrich II. mit seinen Windspielen.Foto: Andreas Klaer

Breit hingegossen liegt „Mutter Natur“ im Gras. Der voluminöse Frauenkörper reckt die Hüfte in die Höhe, hält Augen und Kussmund geschlossen. Über ihm entfaltet sich wie ein zerflatterndes Band ein rasch dahingekrakelter blauer Himmel. Das kleine „Aquarell mit Stiften“ von Maren Simon zeigt die ganze Souveränität der 50-jährigen Zeichnerin, Malerin und Bildhauerin aus Potsdam. Farbschichten überlagern sich, Linien umreißen einen Teil der Figur und brechen dann ab. Aus den disparaten Elementen entsteht doch ein spannungsreiches Blatt. Der Mensch in all seiner Widersprüchlichkeit interessiere sie, sensibel wolle sie auf Natur und Umwelt mit ihren Bildern reagieren, die „Schönheit des Unkrauts“ gelte es zu erkennen, sagt Maren Simon, die derzeit im „Haus zum Güldenen Arm“ ihre Werke zeigt. Ihre Kunst ist in schönster Weise dem Expressionismus verhaftet, dennoch behauptet Maren Simon auf ihrer Einladungskarte selbstbewusst „Picasso hätte ich gefallen“ und bezieht sich so auf den französischen Kubisten.

Das ist allerdings wohl auch zutreffend, denn dem feurig flackernden Farbspiel ihrer Bilder und Zeichnungen hätte der Altmeister seine Zuneigung nicht versagt. Der Mensch, der Akt und immer wieder die Landschaft sind die Themen der Künstlerin. Die Bezugnahme auf die Landschaft ist kein Zufall.

Maren Simon absolvierte zunächst eine Gärtnerlehre, die sie sogar zum „Facharbeiter für Zierpflanzen“ ausbaute, bevor sie sich der Kunst zuwandte. Bei privaten Zeichenkursen erwarb sie sich die nötige Grundlage für eine erfolgreiche Bewerbung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Seit dem Studium ist Simon freischaffend tätig, arbeitet in einer eigenen Werkstattgalerie in Werder an der Havel und begann in den späten 90er Jahren, plastische Arbeiten in Ton zu fertigen.

Nun blickt Friedrich II. mit einem seiner geliebten Windspielhunde über der Schulter dem Besucher in der Galerie entgegen. Ihm gegenüber vereinen sich in einer sonderbaren Tonskulptur Blumenvase, Totenschädel und gekreuzte Knochen. Eine Fratze streckt die Zunge heraus und das „böse Kind“ zieht einem Hasen die Schlappohren lang. Die Figuren künden ebenso wie die Aktzeichnungen und auch die Porträts von einer Freude am menschlichen Körper, an der Figur und am Individuum. Mit dem Bild der äußeren Erscheinung der Figur kehrt Simon deren Innerstes an die Oberfläche.

In einigen Zeichnungen finden sich tatsächlich leichte Anklänge an Picasso. Diese erscheinen aber allenfalls wie eine wohlmeinende Referenz und geraten nie zur Kopie. Maren Simon beweist, dass Expressivität und eine Malerei, die aus der Emotion der Künstlerin schöpft, ganz aktuell sein können. Ihre Kunst bezieht ihren Reiz aus der Sensibilität für das dargestellte Objekt. Die Bilder und Skulpturen eröffnen eine neue Welt, eine subjektive, die hinter den Dingen verborgen ist.

Dennoch erfahren ihre Skulpturen nicht immer die Wertschätzung, die sie verdient hätten. Eine Frauenfigur mit Blume im Arm, „die Herabsteigende“, bot Simon, die in ihrer Biografie im Jahr 1988 ausdrücklich die Geburt ihres Sohnes anführt, der Stadt Beelitz sowie dem Ort Elsholz an. Dort fanden am Ende des Zweiten Weltkrieges Hunderte meist junger Menschen und auch viele Mütter den Tod. Ein stilles Denkmal, „ein Gedenken an Mütter und Frauen, die das Leid ertragen mussten“ sollte die geplante Skulptur sein. Interesse am Ankauf des Entwurfs bestand dennoch nicht, möglicherweise weil die Formensprache ihrer Figuren klar Stellung bezieht. Sie muten an, als hätten sich die Narben eines gelebten Lebens in den dunkel gebrannten Ton eingegraben. „Ich suche nicht die Machtmenschen, gebrochenen Charakteren setze ich ein Denkmal“, bekennt die Künstlerin. Die Schönheit ihrer Zeichnungen und Skulpturen ist allerdings kaum reproduzierbar. Erst in der unmittelbaren Anschauung in der Galerie erschließen sich die nuancierten Schichtungen und Strukturen.

Museumshaus „Im Güldenen Arm“, Hermann-Elflein-Straße 3, zu sehen bis zum 22. Juli, Mittwoch bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr