Kultur : Die Oper im Schweinestall

Miriam Freudig hat „Dorf macht Oper“ mit der Kamera begleitet. Ausstellung in der Staatskanzlei

Dirk Becker
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Foto:  Manfred Thomas
06.11.2013 20:50

Angefangen hat es mit einem Nachmittag in Klein Leppin. Für einen Hörfunkbeitrag war Miriam Freudig in das Dorf in der Prignitz gefahren. Zuerst mit dem Zug von Berlin nach Glöwen, dann weiter mit dem Fahrrad. Der ganze Weg, um eine Oper zu erleben. „Orpheus und Eurydike“ von Christoph Willibald Gluck in einem ehemaligen Schweinestall. Eine dieser putzigen Geschichten aus der Provinz, die sich immer gut verkaufen lassen. Dann saß Miriam Freudig in dem Schweinestall auf einem Klappstuhl, ließ sich von der Musik, dem Gesang, der Handlung auf einer Bretterbühne gefangen nehmen, während Schwalben ständig durch die Szenerie flogen.

Dieser Nachmittag in dem 70-Seelen-Dorf Klein Leppin hat sie nicht mehr losgelassen. Miriam Freudig kam immer wieder, um die Dorfbewohner bei ihren Proben und den jährlichen Aufführungen unter dem Motto „Dorf macht Oper“ mit der Kamera zu begleiten. Ausgewählte Bilder aus dieser Zeit sind ab dem heutigen Donnerstag in einer Ausstellung im Foyer der Potsdamer Staatskanzlei zu sehen. Gleichzeitig hat Miriam Freudig unter dem Titel „Was ist denn mit Oper“ ein Buch herausgegeben.

Es sind Momentaufnahmen aus einem Dorf, das wie in einem Märchen wirkt. 1994 zog das Berliner Musikerehepaar Christina und Steffem Tast in den Ort. Und sie nahmen Einfluss mit dem, was sie am besten konnten: mit Kunst. Der leer stehende Schweinestall, der zu DDR-Zeiten einem Teil der Dorfbewohner Arbeit gab, wurde 2005 zum Ausgangspunkt eines Opernfestivals der ganz eigenen Art. „Die Zauberflöte“ von Mozart, „Der Wildschütz“ von Albert Lortzing und Shakespeares „Sommernachtstraum“ haben die Berliner Musiker Steffen und Christina Tast mit Musikern und Bürgern Dorfes dort bereits auf die selbstgebaute Bühne gebracht. In diesem Jahr war „Das Kind und die Zauberdinge“ von Maurice Ravel zu erleben. Angefangen mit Gartenkonzerten hat sich das Projekt „Dorf macht Oper“, das vor allem durch das Ehrenamt getragen wird, zu einer auch überregional beachteten Institution entwickelt.

Miriam Freudig, die als Journalistin und Fotografin in Berlin lebt, hat im Frühsommer 2010, als sie dort auf dem Klappstuhl im Schweinestall saß, einfach fasziniert, wie in einem Ort, einer Gegend, die so dünn besiedelt ist, so etwas möglich wurde. Sie wollte verstehen, die Menschen besser kennenlernen und kam deshalb immer wieder. „Aber dass dieses Wiederkommen, das dann auch sehr meinen Alltag geprägt hat, drei Jahre dauern würde, hatte ich nicht geahnt“, sagt sie. Wenn sie fotografiert, geht es ihr um Geschichten. Was auf ihren Bildern zu sehen ist, soll weiter gehen, als nur das Gezeigte zu präsentieren. „Im Idealfall denkt der Betrachter die Geschichte weiter.“ Um diesem Anspruch gerecht zu werden, lässt sie sich viel Zeit.

Miriam Freudigs Fotografien erzählen viele Geschichten. Da reicht ihr schon ein Blick in eine improvisierte Garderobe, in der die Kostüme an einem Rohr von der Decke hängen. Gummistiefel stehen einzeln und in einer Plastikkiste, dazu ein Bett aus Stroh und die unvermeidlichen Plastikklappstühle. Weil Miriam Freudig auf einen erklärenden Bildtext verzichtet, wird der Spielraum für die eigenen Interpretationen größer. Auffällig an den Aufnahmen, an diesem Projekt „Dorf macht Oper“ überhaupt ist die ständige Präsenz des Improvisierten, des nur Vorläufigen in dem alten Stall. Das ist das Bild von einer Probe. Und es sieht so aus, als wären manche der Frauen schnell in ihrer Arbeitskleidung gekommen. Vielleicht aber sind das auch die Kostüme. Oder die fünf Jungs in ihren ritterlichen Kostümen, wie sie geduldig, vielleicht sogar gelangweilt auf einem Bollerwagen sitzend auf ihren Einsatz warten.

Miriam Freudig hat die Menschen aus Klein Leppin in den Mittelpunkt ihrer Aufnahmen gestellt. Sie hat mit diesen Menschen gesprochen, sie interviewt, sie porträtiert und ihr Vertrauen gewonnen. Und sie hat sich dieser Landschaft, diesem Ort mit all seinen Problemen und Schwierigkeiten genähert und die feinen Risse, die Spuren erkannt, die der starke Umbruch hier hinterlassen hat. Auch die hat sie in ihren stimmungsvollen und sehr behutsamen Bildern aufgenommen. Man muss sich Zeit nehmen und sehr genau hinschauen, um sie zu sehen. Aber gerade darin liegt der Reiz dieser Fotografien, die dem Märchen von „Dorf macht Oper“ ein kleines, aber sehr ehrliches Denkmal gesetzt haben. Dirk Becker

Die Ausstellung „Dorf macht Oper“ mit Fotografien von Miriam Freudig im Foyer der Staatskanzlei in der Heinrich-Mann-Allee 107 ist bis zum 31. März zu sehen