Kultur : Die Nuss geknackt

Köpfe der KAP: Die PNN-Serie porträtiert die Musiker der Kammerakademie. Teil 2: Peter Rainer, Violinist und Konzertmeister. Als Kind erlebte er die Geige als spannende Herausforderung. Heute spielt er selbst gerne für Kinder

Der Job war gefährlich: Jean-Baptiste Lully, italienischer Komponist, verletzte sich 1687 mit einem schweren Stock, mit dem er für das Orchester den Rhythmus stampfte, am großen Zeh. Der Zeh entzündete sich und Monate später verstarb Lully an Wundbrand. Vielleicht auch war das ein Grund, vorerst auf einen Frontmann zu verzichten und das Zusammenhalten des Orchesters weiterhin dem Konzertmeister, der ersten Geige, zu überlassen. Dessen Geigenbogen war von der Position am ersten Pult links außen für alle Kollegen gut einzusehen. Erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich daraus mit der Zeit der leichte Taktstock und die Person des Dirigenten.

Die Position des Konzertmeisters blieb dennoch bis heute erhalten, in der Kammerakademie ist der Geiger Peter Rainer einer von drei Konzertmeistern. Der Geiger aus Franken kam 1996 nach Potsdam, spielte zunächst in der Brandenburger Philharmonie Potsdam und dann in der neu gegründeten Kammerakademie. Dirigieren als Konzertmeister tut er eher selten. „Aber ich bin für alle der visuelle Anker. Meine Bogenführung gibt eine sehr präzise Orientierung. Ich verstehe mich als Schnittstelle zwischen Dirigent und Orchester“, sagt Rainer. Der Konzertmeister hält zu allen Blickkontakt, er unterstützt den Dirigenten in seinen interpretatorischen Entscheidungen, er betritt die Bühne als Letzter, er wird besonders begrüßt.

Wer dem 47-Jährigen beim Spielen zusieht, erlebt einen sehr expressiven, körperlichen Musiker. „Ich benutze gerne meinen Raum zum Spielen. Die Kollegen in der zweiten Reihe wissen, dass sie mir Platz geben müssen.“ Wenn er im Stehen spielt, und das tut er häufig, als Solist ohnehin, dann tänzelt er, schreitet, geht in die Knie oder auch mal ein paar Schritte rückwärts. „Ich muss mich einfach bewegen, damit Musik entsteht“, sagt Rainer.

Peter Rainer spielte als Kind zuerst Blockflöte. Im Alter von acht Jahren wechselte er zur Geige. „Jemand in der Nachbarschaft spielte Geige und ziemlich gut. Das hörte ich und war fasziniert.“ Dieses Instrument sei ihm vor allem rätselhaft erschienen, ein zu bezwingendes Medium. Die Eltern unterstützten ihn. Zum Glück waren sie keine Berufsmusiker, sagt er, Geige konnte keiner spielen. So habe er immer alleine üben müssen oder vielmehr dürfen. Es gab keine elterliche Betreuung und Einmischung. Rainer, heute selber Vater von vier Kindern, erinnert diese Jahre als kostbare Entdeckungsreise, eine Zeit fürs Forschen und Experimentieren. Er sagt: „Es war eine Challenge – wie knacke ich die Nuss?“ Die Nuss bestand darin, auf der Geige diese schönen Töne hinzubekommen. Nicht nur die richtigen, sondern die schönen. Wie das geht, muss ein Geiger mit Geduld und Neugier erspüren. „Der Klang hängt davon ab, wie schnell man den Bogen führt, mit wie viel Druck und mit welcher Stelle des Bogens ich über die Saiten streiche“, sagt Rainer. Vor allem brauche es ein gutes Gehör, das die gewünschte Schönheit erkennt. „Das Ohr ist der eigene Lehrer. Und Kinder, die dieses innere Ohr haben, sind sehr selten.“

Er selbst wusste mit 13 Jahren, dass er Geige studieren würde. Mit 17 Jahren kauften ihm seine Eltern die Geige, die er noch immer spielt: Ein kostbarer Nachbau einer italienischen Guarneri. Der Geigenbauer holte das Instrument, das um 1900 in London gebaut wurde, aus dem Tresor und gab es den Eltern mit, damit der Sohn die Geige ausprobieren konnte, und es passte. Der Preis war fünfstellig. „So was zahlt man in Raten, das ist ganz normal.“

Nach dem Abitur ging Rainer zunächst ans Konservatorium in Würzburg, dann für vier Jahre nach Dallas, Texas. Dort unterrichtete der russische Violinpädagoge Eduard Schmieder, für Rainer der Wunsch-Dozent. Nach vier Jahren in den USA kehrte er als Solist zurück nach Deutschland, 1996 nach Potsdam. Die Zeit in der vergleichsweise großen Philharmonie sei wichtig für ihn gewesen, sagt er. „Ich konnte tolle Soli spielen, ich habe viel gelernt.“

Neben der Tätigkeit in der Kammerakademie spielt er heute in kleineren Ensembles. Er gründete das Merlino Streichquartett und ist seit 2012 Geiger des Max Brod Klaviertrios. Seit einem Jahr unterrichtet er zudem junge Geiger am Berliner Musikgymnasium Carl Philipp Emanuel Bach. Am 21. Januar werden seine Schüler im Nikolaisaal spielen, „Sonntags bei Mendelssohns“, ein Familienkonzert der Kammerakademie. Rainer wird mitspielen und moderieren. Er arbeitet gerne mit Kindern. Als er Ende der 1990er-Jahre das damals noch innovative Format der Mitmachkonzerte für Kinder ausprobierte, stellte er schnell fest, dass diese Arbeit ihm besonders gefiel. Seitdem veranstaltet die Kammerakademie regelmäßig Konzerte mit klangvollen Namen wie „Moz-artig?“, „Wie klingt der Süden?“ oder „Das Pferd auf der Geige“. Dabei wird nicht nur präsentiert, sondern Musik ergründet und erlebt. „Ich hole die Kinder in ihrer Fantasiewelt ab“, sagt Rainer.

Dieser Prozess, wenn Kinder den Zugang zur Klassik finden und bewusst gestalten sollen, werde immer wichtiger. „Die Mehrheit der Kinder leidet unter Reizüberflutung“, sagt der Musiker und Dozent. Seine Aufgabe sei es, Kindern auf einer emotionalen und auch ganz praktischen Ebene zu zeigen, dass Musik Teil des Lebens ist. Er will Kindern ermöglichen, Rhythmus und Klänge bewusst wahrzunehmen und ihnen die Vorgänge um das Entstehen haptisch und physikalisch erklären. Früher habe sich den Kindern vieles von selbst erschlossen. Musik nahm im Alltag, in der Lebenswelt eine andere Rolle ein. „Heute muss man die Mechanismen dazu erst mal finden und dann freilegen.“ Und wieder bewegt Rainer dabei ausschweifend und einladend zugleich seine Arme.

Er selbst kann keine Lieblingskomponisten nennen. „Ich spiele, was aktuell dran ist“, sagt Rainer pragmatisch. Das Entdecken und Ergründen mache ihm Spaß, sein Spiel ist keine Routine. In frischer Erinnerung sind ihm Stücke von Walter Zimmermann aus Berlin, Komponist der Neuen Musik und der sogenannten Neuen Einfachheit. „Das zu spielen, ist unglaublich schwer.“