• Die Neuen am Hans Otto Theater: „Weil die Menschen keine Menschen sind“

Die Neuen am Hans Otto Theater : „Weil die Menschen keine Menschen sind“

16 neue Schauspieler bringt Potsdams Intendantin Bettina Jahnke mit ans Hans Otto Theater. Wir stellen sie vor: mit drei Fragen zu Lieblingssätzen, Wunschrollen – und Potsdam. Vorhang auf für Ulrike Beerbaum.

Ulrike Beerbaum gehört mit zu den Neuen am Hans Otto Theater
Ulrike Beerbaum gehört mit zu den Neuen am Hans Otto TheaterFoto: Thomas M. Jauk

 

Frau Beerbaum, was ist der beste Satz, den Sie je auf der Bühne sagen durften?

Das seh ich schon ein, dass es ungerecht zugehen muss, weil halt die Menschen keine Menschen sind – aber es könnt doch auch ein bisschen weniger ungerecht zugehen.“ (Elisabeth in „Glaube, Liebe, Hoffnung“ von Ödön von Horváth)

Welchen Satz würden Sie gerne mal auf einer Bühne sagen?

Ich glaube, den einen Satz, den ich gerne mal auf der Bühne sagen würde gibt es so nicht; interessant sind immer Kontexte, Situationen und Figurenkonstellationen. Kürzlich habe ich aber diesen hier gelesen, der mir ausgesprochen gut gefällt und weil es wirklich ein einziger Satz ist, passt er als Antwort auf Ihre Frage, auch wenn er wahrscheinlich den Rahmen sprengt:

„Auf diesem grauen Ordner lag (oder ragte auf) (oder wölbte sich) (je nachdem, von welcher Seite man ihn betrachtete), gewissermaßen als Beschwerer, ein ebenfalls grauer – obzwar etwas dunklerer – unregelmäßig geformter Steinbrocken, über den wir nichts Befriedigendes aussagen können (etwas in der Art zum Beispiel, es sei ein vieleckiges Parallelepipedon) (also etwas, was den menschlichen Geist mit den Dingen – ohne dass er sie wirklich verstünde – versöhnlich seinen Frieden machen ließe, wenn sie schon nicht wenigstens einer geometrischen Körperkonstruktion entsprechen und insofern als erledigt angesehen werden können), zumal dieser Steinbrocken durch die noch vorhandenen beziehungsweise schon abgeschlagenen Ecken, Kanten, Spitzen, Wölbungen, Riefen, Sprünge, Vorsprünge und Vertiefungen so unregelmäßig war, wie ein Steinbrocken nur sein kann, von dem man nie weiß, ob er ein abgebrochenes Stück von einem größeren Ganzen oder, im Gegenteil, ein erhalten gebliebener Überrest eines größeren Ganzen ist, das seinerseits – wie bei Fels und Berg – sicher wiederum Teil eines noch größeren Ganzen ist (verleitet uns doch letztlich jeder Stein sogleich zu urgeschichtlichen Überlegungen) (was nicht unser Ziel ist) (wenngleich es schwer ist, der Verlockung zu widerstehen) (vor allem, wenn wir es mit einem Steinbrocken zu tun haben, der unsere versagende Vorstellung auf endliche (oder besser anfängliche) (Anfänge, Enden, Dichteverhältnisse und Ganzheiten lenkt, damit wir letztlich zu unserer ohnmächtigen) (doch wenigstens mit der angeblichen Würde des Wissens versehenen) (Unwissenheit zurückkehren, und wie bei so vielem anderen war es auch bei diesem Steinbrocken so, dass man nicht wissen konnte, ob es sich um ein abgebrochenes Stück von einem größeren Ganzen oder, im Gegenteil, den erhaltenen Überrest von einem größeren Ganzen handelte). (Imre Kertész, „Fiasko“)

Welcher Satz fällt Ihnen zu Potsdam ein?

Der Potsdamer Postkutscher putzt den Potsdamer Postkutschkasten. 


Ulrike Beerbaum, 1985 in Stendal geboren, studierte Schauspiel an der Universität der Künste Berlin. Während ihrer Ausbildung arbeitete sie am Deutschen Theater Berlin und am Maxim Gorki Theater. Anschließend spielte sie am Theater Bremen und am Theater Dortmund. Von 2010 bis 2016 war sie festes Ensemblemitglied am Staatstheater Mainz. Sie arbeitete u. a. mit den Regisseuren Volker Schlöndorff, Thom Luz, Jan Phillip Gloger, Jan-Christoph Gockel und Viktor Bodó  zusammen. Beerbaums erste Premiere am Hans Otto Theatrer ist am 22. 9. "In Zeiten des abnehmenden Lichts" als Melitta und Catrin.