Kultur : Die leise Kraft

Neun Themen, neun Bilder: Die PNN begleiten die Ausstellung „Hinter der Maske. Kunst in der DDR“ im Museum Barberini mit einem Rundgang durch die Themenkreise der Schau. Teil 5: Ruth Wolf-Rehfeldt und „Formexperimente“

V wie Victory? Das wäre zu einfach. Die Typewritings, die Ruth Wolf-Rehfeldt in den 1970er Jahren schuf, erinnern in ihrer Form an die konkrete Poesie – und laden zum Hinterfragen der Worte ein, mit denen sie arbeiten. „We shall overcome“ war ein sowohl von FDJlern wie auch von Bürgerrechtlern in der DDR gern gesungenes Lied.
V wie Victory? Das wäre zu einfach. Die Typewritings, die Ruth Wolf-Rehfeldt in den 1970er Jahren schuf, erinnern in ihrer Form an...Foto: Andreas Klaer

In einer Schau wie „Hinter der Maske“ ist es leicht, die Werke von Ruth Wolf-Rehfeldt zu übersehen. Anders als viele der hier gezeigten Arbeiten protzen sie nicht mit Größe oder Farbgewalt, verstören nicht von Weitem, erzählen keine auf den ersten Blick erfassbare Geschichte. Im hintersten Raum des ersten Stocks liegen sie in einer Vitrine, wirken zahm, unscheinbar. Was für ein Irrtum: Unscheinbar mögen diese Bilder sein. Aber sie sind alles andere als zahm. Mit leiser Kraft sprengten sie, was der Staat, in dem sie entstanden, von seinen Künstlern verlangte. Sie sprengten die Welt, der sie entstammen.

Die Arbeiten von Ruth Wolf-Rehfeldt liegen in dem Raum „Formexperimente. Abstraktion und Autonomie“ aus. Hier sind die versammelt, die sich bewusst gegen eine Auseinandersetzung mit der staatlicherseits vorgegebenen Doktrin des Sozialistischen Realismus entschieden hatten. Wie Susanne Altmann im Katalog zur Schau schreibt, war diese ästhetische Entscheidung „ein radikales Bekenntnis zum Verzicht“. Verzicht auf Öffentlichkeit, auf Anerkennung, auf Aufträge. Werke von Hermann Glöckner sind hier zu sehen, von Karl-Heinz Adler, von Günther Hornig. Und von Ruth Wolf-Rehfeldt, die ihre Formexperimente dem konkreten Umfeld abrang, in dem sie tagtäglich tätig war: dem Büro.

Ruth Wolf-Rehfeldt, 1932 in Wurzen geboren, war Sekretärin. 1950 zog sie mit ihrem späteren Mann nach Berlin. Dieser Mann hieß Robert Rehfeldt. Er gilt als einer der prägenden Künstler der DDR der 1970er und 1980er Jahre. Vor allem seine Mail Art ist bekannt, einiges davon ist ein paar Räume weiter auch in der Ausstellung „Hinter der Maske“ zu sehen: „Denken Sie jetzt bitte nicht an mich“, steht da auf einer der Karten, die Rehfeldt hinter den Eisernen Vorhang an andere Künstler schickte. Oder: „Sei Kunst im Getriebe“.

Auch Ruth Wolf-Rehfeldt mischte in den 1980er Jahren als eine von nur wenigen Frauen in der Mail Art mit, half dabei, dass die Mauer „löchrig“ wurde, wie Gastkuratorin Valerie Hortolani es nennt. Durch die per Post verschickten Kunstwerke blieben die Künstler in der DDR und anderen Ostblock-Staaten mit Künstlern auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs in Verbindung. „Das zeigt, dass die DDR kein abgeschlossener Kosmos war“, sagt Hortolani – eine der wesentlichen Thesen der Schau.

Bevor Ruth Wolf-Rehfeldt Postkarten nach Westeuropa, in den Ostblock, nach Nord- und Lateinamerika, Asien und Neukaledonien verschickte, machte sie in den 1970er Jahren ihr Arbeitsmittel zum Mittel für die Kunst: die Schreibmaschine, Marke Erika. Mit Erika komponierte die Künstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt in ihren „Typewritings“ Formen aufs Papier, schlug der Sekretärin und deren vorgestanzter Welt ein Schnippchen. Wo sonst diktierte Texte entstanden, entstand jetzt eine ganz eigene, humorvolle, manchmal wehe Welt. Deren Koordinaten setzte Ruth Wolf-Rehfeldt selbst fest. Mal waren das abstrakte Gebilde aus einzelnen Satzzeichen, mal, wie in „We shall overcome“, ganze Wortverbindungen.

Das Typewriting „We shall overcome“ ist im Museum Barberini zu sehen. Der von Martin Luther King in seiner letzten, berühmten Rede zitierte Satz, der in Form des Liedes von Pete Seeger bei der DDR-Jugend an keinem Lagerfeuer fehlen durfte, steht auf Ruth Wolf-Rehfeldts A-4 großem Blatt mehrere Dutzend mal. „We shall overcome someday“: Auf dem Blatt ist das so angeordnet, dass am Fuß der Seite der ganze Satz steht und die Satzwiederholungen als grafisches Element insgesamt ein V ergeben. V wie Victory? Wenn es doch so einfach wäre. Wer sich auf die x-fache Wiederholung des Glücksversprechens einlässt, die Worte wieder und wieder liest, dem werden die quälende Dringlichkeit, die Zweifel nicht entgehen, die dahinter stehen. „Eines Tages werden wir überwinden“: Ruth Wolf-Rehfeldts grafische Gestaltung macht spürbar, wie viel Zeit bis dahin, zum Überwinden, vergehen werden wird. Oder schon vergangen ist. Eine Hommage an Sisyphus.

Unter dem Werk steht: „Hommage an Martin Luther King“. Der Protestsong „We shall overcome“ wurde als antikapitalistisches, pazifistisches Liedgut auch von DDR-Oberen gern gehört, wurde von FDJlern wie von Bürgerechtlern gesungen. Griff Ruth Wolf-Rehfeldt in den beiden auseinanderstrebenden Linien des Buchstaben V nicht auch diesen Widerspruch auf? Mit einer Kunst, die die Worte in den Mittelpunkt rückt, lud sie in jedem Fall dazu ein, eben diese Worte genau zu hinterfragen. V wie vielleicht.

Mit der politischen Wende 1989 beendete Ruth Wolf-Rehfeldt ihre Arbeit als Künstlerin. „Das wollte sie als politischen Gestus verstanden wissen, hatte aber auch persönliche Gründe“, sagt Valerie Hortolani. Es habe schlicht keinen Bedarf mehr gegeben, wird die Künstlerin selbst in Medienberichten zitiert. In einem Interview sagt sie: „Und dann kam auch noch hinzu, dass ich den Eindruck hatte: Es gibt so viel Kunst, da brauch’ ich nicht auch noch welche machen!“ Dabei blieb sie.

Vielleicht braucht Ruth Wolf-Rehfeldt die Kunst nicht mehr – aber der Kunstbetrieb braucht sie. Ein Vierteljahrhundert nach ihren letzten Arbeiten wurde ihr Werk jüngst wiederentdeckt. 2016 waren bei der Art Basel 500 Arbeiten der Künstlerin zu sehen. Auch auf der Documenta 14, einer der wichtigsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst, wurden 2017 Arbeiten von Ruth Wolf-Rehfeldt gezeigt. Zeitgenössische Kunst, made by Erika.

„Hinter der Maske. Künstler in der DDR“, zu sehen bis zum 4. Februar im Museum Barberini