• Die Lange Nacht der Freien Theater in Potsdam

Die Lange Nacht der Freien Theater in Potsdam : Bilderfluten und Gedankenräume

Elf Vorstellungen und ein Konzert: Die Lange Nacht der Freien Theater begeisterte die Zuschauer.

Astrid Priebs-Tröger
Eine Szene aus „Die Bergwerke zu Falun“ von E.T.A. Hoffmann in der Inszenierung von Ton und Kirschen. 
Eine Szene aus „Die Bergwerke zu Falun“ von E.T.A. Hoffmann in der Inszenierung von Ton und Kirschen. Foto: promo

Potsdam - Gleich zu Beginn war alles Bewegung. Um den Tanzfilm „mit dir.“ von Golde Grunske aus Cottbus zu sehen, musste man sich auf ein antiquiertes Herrenrad schwingen und kräftig in die Pedale treten. Erst dann konnte man per Video-Projektion dem Paar im engen Fahrstuhl beim Ringen um Gemeinsamkeit zusehen. Ziemlich schweißtreibend das Ganze.

Tanz(filme), Video- und Echtzeitprojektionen, Revue- und Bauchladentheater, Drama und Komödie, Objekt- und Dokumentartheater, ein multimediales Konzert im Auto und Outdoor-Bildertheater im Schirrhof – es gab eine große stilistische und thematische Vielfalt bei der diesjährigen Langen Nacht der Freien Theater Brandenburgs, die am Samstagabend im T-Werk über die Bühne ging.

Erstmals Künstler aus Berlin

Die Künstler kamen aus Potsdam, Cottbus, Rüdersdorf, Werder (Havel), Birkwalde, der Uckermark und erstmals auch aus Berlin. Denn das „Wilde wilde Wesen“ – Objekttheater von Alessandro Maggioni und der Kompanie mikro-kit ist eine Koproduktion zwischen dem T-Werk und der Schaubude Berlin, die im Februar 2020 in Potsdam aufgeführt wird. Samstagabend gab es aber erstmal jede Menge Kostproben und ein ständiges Hin und Her zwischen Theaterzelt, Probe- und großer Bühne, Foyer und Schirrhof.

Für eine sehr pointierte Einstimmung auf den abwechslungsreichen Abend sorgte das Potsdamer Künstlerkollektiv Kombinat, das seine interaktive Installation „kurz davor“ im Foyer aufgebaut hatte, die auch in den Pausen viele interessierte Blicke auf sich zog. Über dem knallroten Sofa konnte man in einem Doppelvideorahmen unterschiedlichen Paaren dabei zusehen, wie sie in Kontakt kommen oder diesen versuchen zu vermeiden. Sehr genaue Bewegungs- und soziologische Studien waren das. Und komische obendrein.

Eine One-Woman-Show

Mit „Magmarama“ ist das neue Tanzprojekt der Oxymoron Dance Companie überschrieben, das im August in der Schiffbauergasse Premiere hat. Hinter dem geheimnisvollen Titel flimmerten viele Projektionen der französischen bildenden Künstlerin Cécile Wesolowski, mit der Anja Kozik nicht zum ersten Mal zusammenarbeitet. So versetzten die dekorativen Videosequenzen die vier Tänzerinnen und einen Tänzer in fantastische Landschaften. Hin zu einem gewaltigen Berg mit unzähligen Augen, an eine rauschende Quelle oder in eine zerklüftete Mondlandschaft – vielfältige Assoziationsräume taten sich auf.

Desillusionierung war das Thema der One-Woman-Show „Der große Fantastico“ der Werderaner Comédie Soleil. Während man kurz darauf im Zelt bei heißer Suppe oder kühlem Bier auf die nächste Vorstellung wartete, mischte sich ein alter Mann mit Drehorgel und riesiger Kiepe auf dem Rücken unter das Publikum. Gustav entlockte seinem altertümlichen Instrument Berliner Gassenhauer und Walzermusik. Wunderbar philosophisch und doppelbödig waren auch seine Texte und perfekt die Illusion, die er zum Schluss herrlich auflöste. Als er den Puppenkopf abnahm, blieb den Kindern am Nebentisch buchstäblich der Mund offen stehen.

Wie eine Graphic Novel

Echtes Handwerk war auch im Stück „Wilde wilde Wesen“ zu erleben. Ein riesiger weißer Hase tanzte mit seinem Spiegelbild, das in Echtzeitprojektionen am Projektionstisch entstand – grandios, die Verwandlung, die er, nachdem er seine Haut abstreifte, vollzog. Die Verschmelzung von analogen und digitalen Projektionen öffnete fantastische Gedankenräume und erinnerte an eine Graphic Novel.

Drei Theaterproduktionen, die unterschiedlicher nicht sein konnten, beschlossen den prallen Abend. Das Poetenpack zeigte Ausschnitte aus seiner „Biedermann und die Brandstifter“-Inszenierung und das theater 89 Szenen seines nach wie vor aktuellen Dokumentartheaters „Das Ende der DDR“, das jetzt, mit historischem Abstand als Gleichnis über die Realitätsferne von Machteliten in totalitären Strukturen gelesen werden kann. Traditionell beschloss das Ton-und-Kirschen-Ensemble die Lange Nacht, das als einziges unter freiem Himmel spielte und mit seinem zauberhaften Bildertheater nach E.T.A. Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“ auch im Nieselregen begeisterte.