Kultur : Die Kraft der Zerrissenheit

Nach „Waisen“ und „Der Eisvogel“ ist Alexander Finkenwirth jetzt in „Das Wintermärchen“ zu erleben. Das Stück hat an diesem Freitag Premiere im Hans-Otto-Theater.

Dirk Becker
Diese Spannung unter der Oberfläche. Alexander Finkenwirth als Wiggo in „Der Eisvogel.
Diese Spannung unter der Oberfläche. Alexander Finkenwirth als Wiggo in „Der Eisvogel.Foto:  HL Böhme

Da ist etwas unter der Oberfläche. Mal ein Brodeln, mal diese Spannung kurz vor dem Zerreißen. Eine beständig treibende Kraft, die in bestimmten Momenten zu strahlen vermag wie ein ganz besonderes Licht. „Extrem“, sagt Alexander Finkenwirth, wenn er von dieser Kraft spricht.

Alexander Finkenwirth, 26 Jahre alt, groß und schlaksig, kantiges Gesicht mit weichen Zügen, das dunkelblonde, leicht widerspenstige Haar fast immer wie nachlässig nach rechts gescheitelt, sodass es ihm regelmäßig ins Gesicht hängt. Finkenwirth, seit dieser Saison festes Mitglied im Ensemble des Hans Otto Theaters, hat diese Kraft in sich. Als Marco in Dennis Kellys „Waisen“ und als Wiggo in „Der Eisvogel“ nach dem Roman von Uwe Tellkamp, beide in der Regie von Stefan Otteni, war Alexander Finkenwirth schon in tragenden Rollen auf der Bühnen in der Schiffbauergasse zu sehen. Und da waren sie zu erleben, diese Momente, wenn diese Kraft derart spannt, dass etwas zu leuchten beginnt.

Am morgigen Freitag ist Alexander Finkenwirth wieder auf der Bühne des Hans Otto Theaters zu sehen. Mit Tobias Wellemeyer bringt der Intendant persönlich Shakespeares „Der Wintertraum“ zur Premiere. In dieser Romanze, die von einer Tragödie zur Komödie wird, spielt Finkenwirth zwei Nebenrollen. Die eines Hofmannes und die des jungen Schäfers, der in der Übersetzung von Peter Handke einfach nur Bub genannt wird.

Es ist sein erster Shakespeare auf großer Bühne, sagt Finkenwirth. Während seines Schauspielstudiums an der Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolff“ (HFF) habe er sich zwar schon intensiv mit „Macbeth“ auseinandergesetzt, doch nur im Rahmen seiner Ausbildung. Er genießt das jetzt, Shakespeare wirklich zu spielen. Diese große Haltung, diese großen Gesten, hin zum Publikum. Bei Marco in „Waisen“ und Wiggo in „Der Eisvogel“ war es die Zerrissenheit, das Hilflose, die existenzielle Not, die ihm diese Rollen aufgebürdet hatten. Dieses Brodeln unter der Oberfläche, das ständig durchzubrechen droht. Und nach diesen zwei Hauptrollen nun nur zwei Randfiguren. Sind das nicht Momente, in denen sich ein Schauspieler nicht schnell unterfordert fühlt?

Die Frage verwundert Alexander Finkenwirth. Er überlegt kurz, fragt noch einmal nach und schüttelt dann den Kopf. „Ich habe endlich Zeit, den anderen zuzuschauen“, sagt er.

„Nicht jeder Anfänger ist auch neugierig“, sagt Remsi Al Khalisi, verantwortlicher Dramaturg bei dem „Wintermärchen“. Es ist die Neugier, gepaart mit einer großen Ernsthaftigkeit, die er an Alexander Finkenwirth schätzt. Er höre genau zu, beobachte genau das Spiel seiner Kollegen, um so lernen zu können, Erfahrungen zu sammeln. Vor zwei Jahren hat Remsi Al Khalisi ihn zum ersten Mal auf der Bühne erlebt, in Schillers „Die Räuber“, der jährlichen Inszenierung mit Schauspielschülern der HFF. Da hat er erkannt, dass in Finkenwirth etwas Besonderes arbeitet. Das Theater lud ihn zum Vorsprechen ein, darauf folgte die Rolle von Marco in „Waisen“.

„Ich liebe diese Figur“, sagt Finkenwirth. Das klingt in keiner Weise übertrieben, kitschig oder nur gesagt, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. So wie Finkenwirth über Marco, der in Dennis Kellys Original Liam heißt, spricht, ist das einfach nur grundehrlich. Und für einen kurzen Moment ist man in diesem Gespräch selbst über sich überrascht, weil man derartige Aussagen nicht sofort hinterfragt, sondern als etwas Selbstverständliches erkennt.

Bevor überhaupt an ein Engagement am Hans Otto Theater für dieses Theaterstück zu denken war, hatte Finkenwirth den Text schon gelesen, in dem Kelly meisterhaft das Irrationale im menschlichen Verhalten aufzeigt, wenn der Ausnahmezustand in den Alltag bricht, keine Gewissheiten mehr gelten und sicher geglaubte moralische Grundwerte in sich zusammenfallen wie Kartenhäuser. Marco, der mit blutverschmiertem Pullover bei seiner Schwester und ihrem Mann auftaucht und immer neue Variationen vom Unfall bis hin zum Verbrechen über das erzählt, was da draußen auf nächtliche Straße passiert ist. „Mir war sofort klar, dass ich diesen Marco spielen will“, so Finkenwirth. Und auch wenn das im Zusammenhang mit dieser brutalen Figur etwas makaber klingen mag, aber er liebe sie in ihrer großen Naivität, in diesem Bestreben, alles richtig machen zu wollen. Es ist diese Selbstverständlichkeit, mit der sich Finkenwirth für die bedingungslose Hingabe an die Schauspielerei bekennt, die einen überrascht. Und wieder ist da kein Zweifel über die Ehrlichkeit solcher starken Worte.

Bevor Finkenwirth seinen Weg in die Schauspielerei fand, war er ein Ruheloser, Getriebener, fast so wie Marco oder Wiggo. In Wiesbaden ist er geboren, ging zur Schule, machte sein Abitur und fragte sich, was nun kommt. Das Jurastudium brach er nach zwei Semestern hab. Es war nur Alibi seinen Eltern gegenüber und dem Irrglauben geschuldet, dieser genormte Weg könnte auch seiner sein. „Ich habe damals extrem gesucht, war extrem getrieben von dem Gedanken, dass es etwas geben muss, wo ich das rauslassen kann, was in mir ist.“ Doch wie so viele wusste Alexander Finkenwirth nicht genau, was diese Unruhe, diese Kraft in ihm wollte. Bis ihn eine Freundin mit zu einer Theatergruppe nach Frankfurt schleppte, wie er es nennt. Von da an war es für ihn klar.

Es ist der Moment im gemeinsamen Gespräch, in dem endgültig klar wird, dass einem mit Alexander Finkenwirth einer dieser wenigen glücklichen Menschen gegenübersitzt, die ihre Berufung gefunden haben.

So passen dann auch die Nebenrollen in „Das Wintermärchen“ wie perfekt ins Bild. Die Geschichte vom König Leontes, der so satt ist, der alles erreicht hat, sodass er in einen Wahn aus krankhafter Eifersucht und blinden Hass verfällt, die seiner Frau, seinem Sohn das Leben kosten und seiner Tochter die Verbannung einbringen. Intrigenspiel und Staatskrise, Liebestragödie und Gaunerstück, verpackt in Shakespeares meisterhafter Sprache. Alexander Finkenwirth wird als Hofmann und Bub am Rand stehen. Er wird Leontes und dessen irres Treiben genau beobachten. Belächeln wird er diesen Verrückten aber nie. Dafür nimmt er ihn viel zu ernst.

Premiere von „Das Wintermärchen“ am morgigen Freitag, 19.30 Uhr, im Hans Otto Theater in der Schiffbauergasse. Karten unter Tel.: (0331) 98 118