Kultur : Die Kraft der Wirbel

Mauer-Performance von Paula E. Paul und Sirko Knüpfer hatte in der fabrik Premiere

Astrid Priebs-Tröger

Die Seiten gewechselt hat niemand. Aber zwei Frauen verließen nach gut der Hälfte der Performance fluchtartig diesen ungewöhnlichen und ziemlich gewöhnungsbedürftigen Theaterraum, der durch diagonal aufgestellte Werbeplakatwände in zwei Hälften geteilt worden war. Obwohl man auf der rechten Seite das Gefühl haben konnte, die richtige Wahl getroffen zu haben, blieb ein Unbehagen.

Denn: Was sehen und erleben die anderen? So war zwar einerseits die Versuchung da, irgendwann (aber wann und wie?) die Seiten zu wechseln. Andererseits konnte man hören, dass die da drüben, wahrscheinlich auch nichts wesentlich Anderes „vorgesetzt“ bekamen. Eine starke Metapher zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und wenige Tage nach den medial inszenierten und in alle Welt übertragenen Staatsfeierlichkeiten.

Paula E. Pauls und Sirko Knüpfers Performance „Alle auf einmal / Auf ein Mal alle“, die am Donnerstagabend in der fabrik Premiere hatte, spielte nicht mit dem Gefühl des Eingeschlossen-, sondern vor allem mit dem des Ausgeschlossenseins, der Qual der Wahl, der unendlichen Vielfalt an Möglichkeiten.

Und plädierte dabei immer wieder für (die eigene) Bewegung. In dichten und bedeutungsschweren Texten von Volker Demuth und Peter Nadas, in denen die Kraft und die Magie von Wirbeln beschworen wurde, in Videobildern (Sirko Knüpfer), die unter erschwerten Bedingungen an Glasfassaden und in Gerüstlabyrinthen dennoch ein Vorwärtskommen symbolisierten oder in den scheinbar auf der Stelle tretenden Flamencoschritten der Tänzerin Paula E. Paul. Die der Flamenco seit Beginn ihrer tänzerischen Laufbahn begleitet und vor allem „hinter der Mauer“ ein sehr eigener Überlebensstoff war. Aber wenn sie hier, mit dem ganzen eigenen Gewicht, auf die Holme einer Schubkarre gestützt und mit abwechselnd weit ausholenden, aber nur knapp über dem Boden kreisenden Beinen eine Vorwärtsbewegung versuchte, war das ein sehr verstörendes Bild. Oder hinter einem riesigen Aktenstapel fast vollständig verschwand.

Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen. Dieser Faulkner-Satz hat auch hier seine Berechtigung. Die in der Performance verbale Beschreibung von „Simulation und Improvisation als Überlebensmöglichkeiten für den Einzelnen“ in der sozialistischen Gesellschaft adelte und zerstörte zugleich. Denn mit genau diesen Verhaltensweisen „retteten“ die Menschen scheinbar sich selbst und zementierten gleichzeitig diese Gesellschaft, die ihnen ein Dasein als „Ignoranten im Absurden“ bescherte. Und was sich wie eine Be- und Entschuldigung anfühlte, entfaltete seine nachhaltige und bohrende Wirkung, als es auch auf der „anderen“ Seite der Mauer wiederholt wurde. Für Ostalgie oder Nostalgiegefühle blieb da kein Platz.

Dennoch hat keiner der etwa vierzig Zuschauer die Seiten gewechselt: War der Wechsel von Paula E. Paul und Julie Randall nach der Hälfte der Performance zu durchschaubar? Hat niemand den Mumm, offen die Fronten zu wechseln? Oder sind wir alle zu satt für Entscheidungen? Die Mauer-Performance warf viele Fragen auf und arbeitete mit einer Unmenge von Zitaten aus früheren Werken der Künstlerin, die eine Rezeption nicht gerade leicht machten. Und obwohl die einzelnen Bestandteile originell waren, ließ er den Zuschauer emotional distanziert zurück. Astrid Priebs-Tröger

Weitere Vorstellungen heute und morgen, jeweils 20 Uhr in der fabrik, Schiffbauergasse.

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