Kultur : Die Kraft der Vorstellung

Filmgespräch zu „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“

Astrid Priebs-Tröger
Mit Hindernissen ist zu rechnen. Szene aus dem Film „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“.
Mit Hindernissen ist zu rechnen. Szene aus dem Film „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“.Foto: Filmmuseum

Dieser Film ist ein Phänomen. Er ist tiefgründig und leicht, amüsant und kritisch, Dokumentation und Fiktion in einem. Aron Lehmann wollte es in seinem Abschlussfilm an der Babelsberger Filmhochschule von 2012 „richtig krachen lassen“ obwohl er wusste, dass Zeit und Geld dabei sehr knapp sein würden. Der 32-jährige Regisseur war zusammen mit seinem Kameramann am Dienstagabend beim Filmgespräch im Filmmuseum zu Gast und sprudelte noch über vom Glück, das er empfand, als er und sein Team am vergangenen Wochenende den Publikumspreis des diesjährigen Max-Ophüls-Festivals in Saarbrücken gewannen.

Und das, wie er sagte, mit einem Kleist-Stoff und einem Thema, dass eher andere Filmemacher als das breite Publikum interessiert. In „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ steht ein junger Regisseur im Mittelpunkt, der sein Filmprojekt – eine historische Verfilmung der Kleistschen Novelle – unbedingt durchsetzen will. Obwohl ihm nach dem ersten Drehtag sämtliche Geldmittel gestrichen, Pferde und Requisiten entzogen werden und wegen fehlender Gagen auch ein Teil seines Teams verloren gegangen ist. Doch Lehmann (Robert Gwisdek) gibt nicht auf und versucht seine zusammengewürfelte Truppe aus Profis und Laiendarstellern auf die Kraft der Vorstellung einzuschwören. Da stellen Kühe Pferde dar, und Kohlhaas’ Männer kämpfen gegen Bäume im Wald, was in die Gesichter der Darsteller die Emotionen während eines Schlachtgetümmels zu zeichnen vermag.

Beide Protagonisten – Kleistheld und Regisseur – haben eine Vision: Während der Rosshändler Kohlhaas um sein Recht streitet, kämpft Regisseur Lehmann in der tiefsten bayrischen Provinz mit großem Ernst und viel Witz um seinen Film. Dadurch entsteht eine Parallelität beider Schicksale, die so nicht ‚angemessen‘ aber umso spannungsreicher ist und sich in ihrer Unterschiedlichkeit gegenseitig befruchtet. Im Aktuellen Filmgespräch fragte Jeanette Eggert zuerst nach den konkreten Bedingungen vor Ort. Und Aron Lehmann erzählte, wie in seinem Heimatdorf Ries bei Nördlingen alle an einem Strang zogen, um die 180 000 Euro kostende Produktion zu unterstützen. Das reichte von der Beköstigung des Filmteams durch die Bewohner bis hin zur Location-Suche durch seine Mutter, die im Dorf als Hebamme arbeitet und, wie der Regisseur sagte, bei einigen Dorfbewohnern noch etwas gut hatte. Die Blaskapelle und ein Auto der Freiwilligen Feuerwehr gab es ebenfalls umsonst obendrauf.

Im Film werden anfangs beide Geschichten parallel erzählt. Auf der einen Seite sieht man als Zuschauer wie in einer Doku, welche Bedingungen vor Ort herrschen, wie die armen Schauspieler beispielsweise um Nahrung und Quartier kämpfen müssen und daneben, wie der Regisseur (zwischen-)menschlich und künstlerisch darum ringt, mit den unzureichenden Mitteln dennoch seine Kleist-Adaption, die am Ende aus nicht mal einem Dutzend überzeugender Schlüsselszenen besteht, zu entwickeln. Die kunstvolle Verzahnung beider Stränge ist eines der Mittel, die diesen Film so sehenswert machen und durch diesen Film im Film wird zudem die gegenwärtige Filmindustrie mit ihrer Förderpolitik immer wieder aufs Korn genommen. Aron Lehmann zeigt nicht nur einmal, dass weniger oft mehr ist und Improvisation nicht nur in diesem Fall mehr Seele und Lebendigkeit herzustellen vermag.

Wie schon vorher der Regisseur von „Dicke Mädchen“ setzt Aron Lehmann auf die Kraft der Idee und er sagte, dass ihm seine Mischung aus Realität und Fiktion besonders viele Möglichkeiten eröffnet habe, Geschichten zu erzählen. Auch sein Kameramann Cristian Pirjol war vom bilderreichen Drehbuch angetan und trägt mit Panoramaansichten und den kammerspielartigen Nahaufnahmen neben der Musik von Boris Bojadhziev zum fantastischen Ganzen bei. Aron Lehmann, der auch das Drehbuch schrieb, konnte sich außerdem auf Schauspieler wie Jan Messutat und Thorsten Merten verlassen, die bei den Proben des Making-Of-Teams ihre Improvisationslust so richtig heraus kitzelten. Astrid Priebs-Tröger

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