Kultur : Die Kraft der Frauen

Peter Breuer las aus dem Tagebuch seiner Mutter

Astrid Priebs-Tröger

Als „nettes Gesellschaftsspiel“ bezeichnete ein weißhaariger Mann aus dem Publikum aufbrausend das, was Peter Breuer am Dienstagabend in der Arche aus dem Tagebuch seiner Mutter vom 22. April bis 7. Juli 1945 vorgelesen hatte. Und er begann sogleich erregt und noch immer tief verletzt von dem zu erzählen, was ihm und seiner Mutter in der Nähe von Fürstenwalde kurz nach Kriegsende widerfahren war. Doch eigentlich gab es faktisch kaum einen Unterschied zwischen dem, was beide Männer mit 66 Jahren Abstand beschrieben.

Aber die Haltung der Erzählenden unterschied sich erheblich voneinander. Peter Breuer, der 1945 elf Jahre alt war, hatte das große Glück, eine sehr starke und selbstbewusste Mutter zu haben. Die damals 30-jährige Sekretärin managte schon geraume Zeit die kleine Familie selbst, verdiente eigenes Geld bei der Terra Filmkunst in Babelsberg und lebte mit beiden Söhnen und einer Betreuerin der Kinder, der sie freundschaftlich verbunden war, in Rehbrücke bei Potsdam. Hier er- und überlebten die Vier Ende April den Einzug der russischen Armee mit allen Ereignissen, die auch von anderen Orten beschrieben werden: militärischem Beschuss, ständigen Plünderungen und massenhaften Vergewaltigungen.

Doch die beiden Frauen, Peter Breuers Mutter und Kinderfrau, zeichnete eine Haltung aus, die in dem festen Willen gipfelte, diesen Krieg zu überleben und aus der damaligen Situation das Beste für sich und ihre Kinder zu machen. Breuer las vor, wie wichtig dabei die ständige Sorge um Nahrungs- und Kleidungsbeschaffung war und mit wie viel Umsicht die Frauen diese nicht nur für sich selbst organisierten. Und auch das Thema Vergewaltigungen kam mehrmals zur Sprache. Beide Frauen waren nicht willens, sich dadurch als Opfer zu fühlen und begannen, nachdem sie die ersten Schrecken überwunden hatten, solche Situationen mit viel Mut und Fantasie für sich zu nutzen.

Ähnlich wie es die Frau in dem berühmten und inzwischen verfilmten Tagebuch „Anonyma, eine Frau aus Berlin“ beschreibt, gelang es auch Peter Breuers Mutter, einzelne Männer mit höheren Dienstgraden dazu zu bringen, ihr und ihren Kindern einen gewissen Schutz angedeihen zu lassen. Und ihre sexuellen „Dienste“ wurden ihr reichlich mit Nahrungs- und Genussmitteln vergütet. Frau Breuer gelang es außerdem, ebenso wie der Anonyma, ihre Erlebnisse aus einer gewissen Distanz, mit Lakonismus und sogar mit Ironie zu beschreiben. Man merkt, dass die Schreiberin schon vorher ein reflektiertes, intellektuelles Leben führte, zudem das Kriegsende herbeisehnte. Und: Sie sieht auch in den russischen Soldaten Menschen, die selbst Opfer geworden sind.

Was die Mutter des Mannes aus dem Publikum erlebte, kam in der beschriebenen Vergewaltigungsszene zum Ausdruck, die für sie, wie für die meisten Frauen, eine starke Traumatisierung bedeutete. Die Urteils- und Überlebenskraft der Frauen, die Tagebücher schrieben, fasziniert auch heute, ermöglicht sie doch, das Kriegsende auch in einem anderen, weitaus differenzierteren Licht – nicht vorrangig aus der Opferperspektive heraus – zu sehen.

Die Anonyma, die eigentlich Marta Hillers hieß und Journalistin war, veröffentlichte ihre Aufzeichnungen in Westdeutschland erstmals 1959 und stieß damit auf so viel Ablehnung, dass sie es vorzog, diese zu anonymisieren. Denn das Bild der souveränen selbstbestimmten Frau passte nicht in die politische Landschaft. Am Dienstagabend tat es umso wohler zu erfahren, dass Peter Breuers Mutter sogar noch einen Schritt weiter gehen konnte. Nachdem sie wusste, dass sie schwanger war, entschloss sie sich, das (Russen-)Kind zu bekommen. Auch aus dem Gefühl heraus, dass sie selbst zwei Brüder im Krieg verloren und jetzt eine Tochter geschenkt bekommen hatte.

Astrid Priebs-Tröger

Das Tagebuch ist nachzulesen in: Rote Fahnen über Potsdam 1933-89, herausgegeben von Roland Thimme, Hentrich & Hentrich 2007. Marianne Breuers Aufzeichnungen sind dort unter ihrem Mädchennamen Marianne Vogt zu finden.

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