Kultur : Die Kontraste eines Farbenmagiers

Orgelsommerkonzert in der Friedenskirche Sanssouci mit Martin Schmeding

Peter Buske

Wie schön, dass es Kontraste gibt. Ob Laut oder Leise, Hell oder Dunkel, Lieblich oder Unangenehm: Sie bringen Gegensätze auf den vielgerühmten Punkt. Maler lieben solche disparaten Gestaltungsmittel für ihre Kunst genauso wie Komponisten. Oder Organisten. Zu welch überraschenden Erkenntnissen man dabei gelangen kann, offenbarte der Orgelsommer-Auftritt des Organisten und Lehrstuhlinhabers für Orgelliteratur an der Leipziger Musikhochschule „Felix Mendelssohn Bartholdy“, Martin Schmeding. Davor war er als Professor für Orgel an der Musikhochschule Freiburg tätig. Zu seinen Schülern gehört auch Johannes Lang, der inzwischen als Kirchenmusiker an der Friedenskirche Sanssouci für ein überaus vielfältiges musikalisches Leben sorgt.

Hier nun, an der sinfonisch disponierten Woehl-Orgel, kann Martin Schmeding von der Kunst seines schier überbordenden fantasie- und klangfarbenreichen Könnens künden. Doch zunächst wird er vom Ex-Schüler über sein spannendes „Kontrast“-Programm befragt. Sein Ziel sei gewesen, die Entwicklung der Orgelmusik vom Barock bis zur Gegenwart auf betont kontrastreiche Weise darzubieten. Dazu habe er sich der von einer Form her bestimmten Paarbildung bedient, bei dem Alt auf Neu trifft.

Die Klammer des Programms bildet die Passacaglia, eine Variationsform über dem Fundament eines gleichbleibenden Grundtons. Als Beleg dient eingangs die c-Moll-Passacaglia BWV 582 von Johann Sebastian Bach, wobei sich über einem düsteren Pedalsolo ein prägnantes Thema im Diskant erhebt. Es ist reich an figurativen, melodischen und harmonischen Wendungen. Sie werden von Martin Schmeding mit immer wieder überraschenden Registern kontrastreich verziert, was zwischen voluminös und feingliedrig für barocken Glanz, leuchtkräftiges Strahlern sorgt. Zwischen lieblich und schroff pendelt dagegen die „Rückläufige Passacaglia (1979) von Tilo Medek (1940–2006), die am Konzertende steht. Dazwischen stellen sich die anderen Zweiergespanne vor. Den ursprünglich altgriechischen Huldigungsruf an Herrscher oder Götter „Kyrie eleison“ (Herr, erbarme dich) formt Max Reger in seinem spätromantischen Op. 59,7 zu einer innigen Bitte. Weich und schwingungsreich ertönt sie, um zart getönt anzuschwellen und sich sogleich ins Leise zu wenden. So wechselt schwebende Leichtigkeit mit dramatischen Zuspitzungen. Dagegen bestimmen lang ausgehaltene Töne in schriller Diskantlage das „Kyrie“-Fragment I von Friedhalm Döhl (geb. 1936). Auch sie schwellen an, bilden Tontrauben und erweisen sich als dissonanzengespickte Klanglandschaften mit toccatischen Zuspitzungen.

Doch selbst bei einem witzigen Charakterstück wie dem Capriccio prallen die Gegensätze aufeinander. Für ein tonmalerisches Vergnügen sorgen die melodisch-verspielten Kuckucksrufe in dem naturidyllischen Stück von Johann Caspar Kerll (1627–1693), während Avantgardist Mauricio Kagel in seiner „Rrrrrr“-Klangsammlung erkältete Nachtigallen („Rossignols enrhumé“) bassblubbernd krächzen statt jubilieren lässt. Was für ein Kontrast auch in der Toccata-Abteilung. Einerseits der festlich-ausladende, strahlende F-Dur-Beitrag des barocken Dietrich Buxtehude, andererseits die akkordgläserne, floskelrabiate „Peripetie“ des Jan Esra Kuhl (geb. 1988). In beiden Fällen, und nicht nur hier, erweist sich Martin Schmeding als ein außergewöhnlicher Farbenmagier mit einem faszinierenden Gespür für klangmalende Kontraste. Viel Beifall und eine Zugabe.

Peter Buske

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