Kultur : Die klingende Stadt

Der Organist und Glockenist Otto Becker läutete in der Garnisonkirche Krieg und Frieden ein

Lieblingsinstrument Orgel. 35 Jahre lang bediente der „Königliche Professor“ Becker die Orgel und das Carillon in der Garnisonkirche, die durch ihn zu einem wichtigen Ort der Kirchenmusik wurde. Bis 1933 war er auch Organist in der Potsdamer Synagoge.
Lieblingsinstrument Orgel. 35 Jahre lang bediente der „Königliche Professor“ Becker die Orgel und das Carillon in der...Foto: Potsdam Museum

Das Altniederländische Dankgebet, das mit den Worten beginnt „Wir treten mit Beten vor Gott dem Gerechten“, stand am Ende des Programms der Eröffnungsfeier des Reichstages in der Hof- und Garnisonkirche am 21. März 1933, bei der Hindenburg und Hitler die Protagonisten waren. Die Feier war bekanntlich der Anfang der unheilvollen Zeit, die in den Zweiten Weltkrieg mündete. Von Kaiser Wilhelm II. wurde das weihevolle Lied zum Bestandteil des Großen Zapfenstreichs gemacht und fortan avancierte es zur „Durchhalteparole“ der Nationalsozialisten. Es war der Kirchenmusiker Otto Becker, der das Dankgebet an der großen Sauer-Orgel begleitete. In seiner Amtszeit von 1910 bis 1945 wird der zum „Königlichen Professor“ ernannte Becker des Öfteren national geprägte Choräle spielen, denn zur Kaiserzeit und im Dritten Reich gehörten sie auch in der Garnisonkirche zum unentbehrlichen Repertoire von Gottesdiensten.

Der 1870 in Breslau geborene Otto Becker wurde früh als musikalisch hoch begabt erkannt, als Kind erhielt er Geigen- und Klavierunterricht. Als 17-Jähriger wird Becker Erster Geiger am Schlesischen Konservatorium in Berlin. Im Alter von 21 Jahren ließ er sich an der Berliner Hochschule für Musik zum Organisten ausbilden und war ab 1894 an verschiedenen Kirchen tätig. Mit den damaligen Größen der Musik pflegte er Bekanntschaft, so mit Max Bruch, Hans von Bülow oder Max Reger. Becker heiratete die Geigerin Bianca Samolewska, die aber bereits mit 49 Jahren 1925 starb. Mit ihr gab er vor allem Kammerkonzerte in Potsdam. 1910 kam er an die Garnisonkirche.

Als im Oktober 1910 zum Geburtstag der Kaiserin Augusta traditionell wieder ein Carillonkonzert angesagt war, musste der kurz zuvor neu ins Amt eingeführte Organist überraschend auch auf dem Glockenspiel musizieren, ohne vorher darauf üben zu können. „Am helllichten Tag bekam ich nach langer Zeit wieder einmal Lampenfieber. Beim einstimmigen Spiel merkte ich schon die ungewohnt weiten Abstände und die schwere Spielart der Hebeltasten. Als ich aber meine kunstvollen Begleitungen anbringen wollte, geriet ich völlig durcheinander und schlug ,wunderbar' falsche Töne an. Ich musste dann zunächst froh sein, einstimmig oder kümmerlich zweistimmig spielen zu können“, erzählte später Otto Becker.

Mit seiner Begeisterung für den Ersten Weltkrieg wollte der Organist der Garnisonkirche nicht abseits stehen. Als kleiner, leicht gebeugter Mann musste er jedoch auf das Soldatsein verzichten. Dennoch: „Am Tag der Kriegserklärung (an Frankreich, d.Red.), am 3. August 1914 , bin ich nachts um elf Uhr mit einer Stalllaterne auf den Turm geklettert und habe vaterländische Weisen gespielt. Von hier oben aus habe ich die Abschiedsparade der Potsdamer Garnison vor ihrem Ausrücken in den Weltkrieg gesehen und dabei auch die Glocken erklingen lassen“, erinnerte er sich. Drei Jahre später wird Becker den Waffenstillstand mit Russland einläuten, ein Jahr später das Ende des Krieges.

Becker war es, der die Garnisonkirche bis 1945 zu einem wichtigen Ort der Kirchenmusik machte. Nicht nur das zur vollen Stunde erklungene „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ und das zur halben Stunde mahnende „Üb' immer Treu und Redlichkeit“ mit der Melodie aus Mozarts „Zauberflöte“ machten die Garnisonkirche mit ihrem 1735 in kunstvoller Mechanik entstandenem Carillon zu einem akustischen Potsdamer Symbol, auch die regelmäßig stattfindenden Glockenspielkonzerte und deren Übertragungen im Radio. Mehr als 2000 Sonn- und Feiertagskonzerte und nahezu 200 bearbeitete Choräle und Lieder für das Carillon hat er in den gut 35 Jahren seines Wirkens absolviert.

Otto Beckers Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus muss kritisch gewesen sein. Denn mutig und gefahrvoll war sein gottesdienstliches Musizieren an der Orgel der Potsdamer Synagoge sowie die Freundschaft mit dem dortigen Kantor Samuel Guttmann. Auch tauchten in seinen Konzerten und vermutlich in Gottesdiensten Werke des jüdisch-christlichen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy auf. Seine zweite Frau, Elisabeth Becker, erzählte, dass nach einem Glockenspielkonzert ein ihr bekanntes NSDAP-Mitglied ihren Mann ansprach und dessen Spiel lobte. Das letzte Stück habe ihm am besten gefallen, meinte er. „Ja“, soll Otto Becker dem Zuhörer geantwortet haben „das freut mich recht, das ist von dem geächteten Mendelssohn.“

Die Resonanz auf Beckers Glockenspiel hätte in den Jahren des Ersten und Zweiten Weltkrieges unterschiedlicher nicht sein können. Nach dem Ende des Krieges 1918 schrieb etwa Ludwig Sternaux, der bekannte Potsdam-Flaneur: „Da wollen manchem, wenn das Glockenspiel jetzt auffordert, den Herren zu loben, die Preisworte des Psalms nicht mehr so recht über die meist verbittert geschlossenen Lippen, ja, frevles Lachen klingt in die fromme Melodie, und eine Zeit, in der Treu' und Redlichkeit fast verschwunden, hört auch dieses Lied nur mit Achselzucken.“ Auch der Dichter Reinhold Schneider, dem die Glockenspiel-Musik täglich „um die Ohren flog“, war von ihr nicht immer sehr begeistert. Doch Sigrid von Rohr berichtete von der tröstlichen Wirkung des Glockenspiels auf ihren Mann Hansjoachim von Rohr, der als Oppositioneller gegen Hitler nach dem 20. Juli 1944 in Potsdam inhaftiert war. Sie erzählte, dass ihr eines Tages der Gedanke kam, Becker zu bitten, die Lieblingschoräle ihres Mannes zu spielen. „Als ich ihm mein Anliegen vortrug, ging er sofort bereitwillig und freudig darauf ein, und nun erklangen die alten, geliebten Lieder ,Harre meine Seele’, ,Herz und Herz vereint zusammen’ und noch manch andere. Es war eine unvergessliche Stunde und für meinen Mann wie ein Wunder ... und eine tiefe Stärkung. Von jetzt an spielte Professor Becker noch oft für die Gefangenen.“

Mit der Zerstörung der Garnisonkirche durch britische Bomben in der Nacht vom 13. zum 14. April 1945 ging für Otto Becker das segensreiche kirchenmusikalische Wirken für Potsdam und darüber hinaus zu Ende. 1954 starb Becker im Alter von 84 Jahren. Auf dem Neuen Friedhof wurde er zur letzten Ruhe gebettet.

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