Kultur : Die Jahreszeiten im Regen

Vorabendkonzert der Schlössernacht mit dem Star-Geiger Daniel Hope und dem Orchester l’arte del mondo am Neuen Palais

Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ hat man schon tausendmal gehört, an unterschiedlichen Orten, zu den verschiedenen Anlässen, mit einer Reihe von Orchestern und Solisten in inspirierenden und weniger gelungenen Interpretationen. Die Schlössernacht Sanssouci bot für ihr traditionelles Vorabendkonzert am Freitag populäre Werke barocker Musik – und erhielt dafür große Publikumsresonanz. Die Künstler, die auf der Bühne zwischen Neuem Palais und Kolonnaden auftraten, gelten in der Welt der Klassik als Spitzenmusiker: der aus Südafrika stammende Geiger Daniel Hope sowie das in der historischen Musizierpraxis beheimatete Orchester l’arte del mondo unter der Leitung von Werner Ehrhardt, der an diesem Abend als Konzertmeister fungierte.

Eine Konzertatmosphäre wollte sich weniger einstellen. Die Moderatorin von Antenne Brandenburg, Tina Knop, sprach zwar von einer unvergleichlichen Schlösser-Kulisse, doch dem Besucher blieb nicht verborgen, dass die Zelt-Pavillons mit den Angeboten von Sekt, Bier und Wein, von Gnocchis, Leberkäs, Bratwürsten oder Schmalzstullen so dicht gedrängt standen, dass der Blick zum Neuen Palais empfindlich gestört wurde. Die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Tina Knop blieb bei ihrer Einschätzung nicht allein. Auch Star-Geiger Daniel Hope hatte für das Ambiente hohes Lob. Na ja, er war Solist und da hält man sich mit Kritik zurück. Aber seine gute Laune war ansteckend, denn das Wetter war alles andere als freundlich. Es regnete fast ununterbrochen. Für die Künstler, die zwar auf einer überdachten Bühne musizierten, und die Zuhörer, die sich mit Capes versorgten, waren die Güsse von oben eine Herausforderung. Besonders für die stimmige Intonation der Streichinstrumente, zumal der historischen, sind solche Wetterbedingungen nicht sehr dienlich. Doch konnte ihre gute Qualität bis zum Schluss des Konzerts weitgehend gehalten werden, auch dank der erstaunlich guten Tonübertragung.

Der Violinist Daniel Hope und das Orchester l’arte del mondo warfen sich trotz der Widrigkeiten mit hörbarer Verve und Freude in das Werk des Venezianers Antonio Vivaldi. Seine „Vier Jahreszeiten“ strotzen auf der einen Seite nur so vor Energie, wenn beispielsweise Wind und Donner im Allegro des Frühlings über das Land fegen. Auf der anderen Seite zeigt Vivaldi aber auch intime Momente. So wiegt er mit den sanften, getragenen Klängen im Adagio molto des Herbstes den Hörer zusammen mit den betrunkenen Bauern förmlich in eine angenehme Ruhe.

Diese musikalische Vielseitigkeit wird aber erst durch technisch anspruchsvollste Spieltechnik und stimmige Gestaltungsmittel wirkungsvoll. Daniel Hopes solistisches Musizieren ist gekennzeichnet durch große lyrische Strahlkraft, die er auf die Basis einer gekonnten Phrasierung stellt. Aber er zeigte auch seine ganze technische Brillanz und Präzision in den virtuosen Passagen mit rasant dahinfegenden Läufen. Solist und Geiger entwickelten ein eng verwobenes musikalisches Bild, das unter den unerfreulichen Bedingungen Staunen hervorrief.

Nach der Pause blieben die Jahreszeiten weiterhin präsent. Hope und das Orchester l’arte del mondo spielten Vivaldis Ausnahmewerk, nunmehr aber in einer heutigen Fassung des Briten Max Richter, der vor allem als Filmkomponist tätig ist. „Das Werk ist ein omnipräsentes Klangobjekt und wie kein anderes Teil unserer musikalischen Landschaft und meines täglichen Lebens“, bekannte Richter. Mit großem Respekt vor Vivaldi hat er die vier Violinkonzerte als losen Rahmen für seine Kompositionstechnik in unsere Zeit geholt. Teilweise weicht er vom Original ab, teilweise sind es nur leichte Veränderungen und Verschiebungen. Auf elektronische Verfremdungen verzichtete der Komponist.

Doch letztendlich hörte man zwar nur hübsch klingende Filmmusik ohne Tiefgang. Hope und das Orchester setzten sich jedoch für Richters Jahreszeiten-Fassung vehement ein und vermochten damit bei einem Teil des Publikums zusätzliche Punkte zu sammeln. Klaus Büstrin

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