• DIE INTERNATIONALEN POTSDAMER TANZTAGE: Trunkene Wälder, stutzige Zitronen

DIE INTERNATIONALEN POTSDAMER TANZTAGE : Trunkene Wälder, stutzige Zitronen

Heute werden in der fabrik die 19. Potsdamer Tanztage mit einer Choreografie aus Frankreich eröffnet

Astrid Priebs-Tröger
Künstlerisch und privat ein Paar: Serge Ricci (vorn) und Fabien Almakiewicz, die heute die Tanztage eröffnen.
Künstlerisch und privat ein Paar: Serge Ricci (vorn) und Fabien Almakiewicz, die heute die Tanztage eröffnen.Foto: Manfred Thomas

Zwei Männer und ein kleiner Hund bestimmen die Uraufführung, mit der heute die 19. Potsdamer Tanztage eröffnet werden. Serge Ricci und Fabien Almakiewicz haben sich vor zehn Jahren bei einem Tanzworkshop in Avignon kennen gelernt und sind seitdem künstlerisch und privat ein Paar. Der 51-jährige Ricci ist Tänzer, Choreograph und Pädagoge und sein 33-jähriger Compagnon war damals noch Student an der Kunsthochschule in Marseille und hatte gerade kurz vorher mit dem Tanzen begonnen.

Jetzt sind sie für ihre bisher größte Produktion „Des Arbres sur la Banquise“ – zu deutsch etwa „Bäume auf Schelfeis“ – künstlerisch gemeinsam verantwortlich und Fabien Almakiewicz wird darüber hinaus auch selbst als Darsteller auf der Bühne zu erleben sein.

Dort fällt einem zuerst ein über und über mit Blüten besetzter Mandelbaum ins Auge. Doch er befindet sich in einer für Bäume eher ungewöhnlichen Position: An seinem Gleichgewichtspunkt in der Waagerechten aufgehängt, wird er sich ganz langsam die gesamte Vorstellung über drehen. Seine buchstäbliche Entwurzelung – der ausgegrabene Wurzelballen ist ebenfalls zu sehen – verlangte diese Neupositionierung. Und seine permanente Drehung erinnert manchen Betrachter möglicherweise an die Erdbewegung.

Das Phänomen der „trunkenen Wälder“, der im schmelzenden Permafrost wankenden Bäume in Alaska und in der russischen Tundra, ist im Stück von Serge Ricci und Fabien Almakiewicz eine Metapher für starke Umbrüche und Krisen im Leben des Einzelnen und in der globalisierten Welt. Ricci und Almakiewicz ließen sich dabei von der wissenschaftlichen Expedition „TARA“, die Phänomene des Klimawandels untersucht, inspirieren und „übersetzten“ sie in poetische Bilder. Der Baum ist dabei sowohl ein fiktionales Überbleibsel aus der Vergangenheit als auch ein Symbol für gekippte Architektur.

Denn beide Künstler arbeiten wie Bildhauer, und ihr Bühnenbild hat viel mit Skulptur zu tun. Serge Ricci bezeichnet „eingefrorene“ Szenen von Tänzern gern auch schon mal als „Reliefs“. Besonders augenfällig sind die über 60 vielfarbigen Kostümteile, die bei der Probe noch im Zuschauerraum umherliegen. Später werden sie manchmal in bis zu zehn Schichten übereinander von den Tänzern getragen, weniger als dekoratives Beiwerk, sondern ihr Einfluss auf die Bewegungen der Darsteller war dabei von Interesse.

Diese Vielschichtigkeit an der Grenze von Tanz und Bildender Kunst ist das Arbeitsprinzip von Serge Ricci und Fabien Almakiewicz und sie wollen in einer begreifbar dichten Atmosphäre keine eindeutigen Interpretationen liefern, sondern viele neue Felder aufmachen, vor allem immer wieder Fragen aufwerfen.

Das scheint durchgängiges Prinzip der heute beginnenden 19. Potsdamer Tanztage in der fabrik zu sein: Mehr als zehn Produktionen aus Deutschland, Österreich, Norwegen, Frankreich, Russland und den USA zeigen beispielhaft künstlerische Reflektionen der ökologischen, kulturellen und sozialen Umbrüche unserer Zeit. Dass selbst bei den parallel stattfindenden 5. Kinder- und Jugendtanztagen Zitronen eher stutzig als lustig machen, mag dann niemanden mehr wirklich verwundern.

Apropos wundern: Niemand sollte selbiges tun, wenn der kleine Hund von Serge Ricci und Fabien Almakiewicz heute abend die Bühne betritt. Er drückt als echter Theaterhund auf diese Weise sowohl seine Zu- als auch durch Fernbleiben seine Abneigung gegenüber den künstlerischen Kreationen seiner beiden Herren aus.

fabrik Potsdam, Schiffbauergasse 10, 0331-2800314, Programm unter www.fabrikpotsdam.de.

13.Mai 20 Uhr fabrik

Mi-Octobre / Serge Ricci (Paris): Des Arbres sur la Banquise - Premiere

14. Mai 20 Uhr 15. Mai

11 und 20 Uhr fabrik

Oxymoron Dance Company Potsdam: I wanna die for you - Premiere

15. und 16. Mai

20 Uhr Schinkelhalle

Ingun Bjørnsgaard Prosjekt (Oslo): Poppea - Deutschlandpremiere

17. und 18. Mai

20 Uhr Schinkelhalle

Sara Shelton Mann & Projeft Zero Point (San Francisco): Tribe/zero point (part 1) - Premiere

19. und 20. Mai

20 Uhr fabrik: Association Woo (Lyon) La Storia - Deutschlandpremiere

20. und 21. Mai

21.15 Uhr T-Werk

Oleg Soulimenko (Wien) & Andrei Andrianov (Moskau)

Made in Russia

21. und 22. Mai

20 Uhr Schinkelhalle

Martine Pisani (Paris) & Martin Nachbar (Berlin)

Profit and Loss - Premiere

22. und 23. Mai

21.15 Uhr T-Werk

John Moran & Saori Tsukada (New York)

23. Mai

20 Uhr fabrik

Derevo (St Petersburg / Dresden) Islands

Parallel finden die

5. Kinder- und

Jugendtanztage statt.

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