Kultur : Die Frau an seiner Seite

Biografie über Marta Feuchtwanger vorgestellt

Astrid Priebs-TrögerD

Viele Frauen waren am Dienstagabend in die Stadt- und Landesbibliothek gekommen. Unter ihnen die heute 67-jährige Potsdamerin Christina van Ness, die Anfang der 80er Jahre in Los Angeles lebte und in dieser Zeit Marta Feuchtwanger selbst begegnet ist. Sie beschrieb vor allem die Herzlichkeit und Natürlichkeit der damals schon über 90 Jahre alten Grande Dame. Manfred Flügge hatte dieses Glück nicht und stellte „trotzdem“ sein jüngstes Werk „Die vier Leben der Marta Feuchtwanger“ (Aufbau Verlag) den sehr interessierten Zuhörern vor.

Der in Berlin und Paris als freier Autor lebende Flügge beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten u. a. mit der deutschen Exilliteratur. Der früher an der FU Berlin lehrende Romanistikprofessor verfasste in den vergangenen Jahren beispielsweise eine Heinrich Mann-Biografie und ein Buch über Künstler im Exil an der Côte d“ Azur. Doch zu seiner Person wollte er auch auf Nachfrage aus dem Publikum keine Auskunft geben. Er widmete sich mit beeindruckendem Detailwissen und großem Engagement lieber den eigentlichen Protagonisten dieses Abends.

Ehe er jedoch zu Marta Feuchtwanger kam, brach er enthusiastisch eine Lanze für Lion Feuchtwanger, den Germanisten gerne als „Unterhaltungsschriftsteller“ abtun, dessen Spätwerk den Vergleich mit Thomas Mann aber nicht zu scheuen bräuche und das Flügge für hochaktuell hält. Damit hatte er gleich eine wesentliche Konstellation benannt – das komplizierte Verhältnis beider Autoren zueinander. Denn Thomas Mann äußerte sich einigermaßen herablassend zu dem im angelsächsischen Raum sehr erfolgreichen Feuchtwanger. Er besuchte ihn während des gesamten Exils nicht nur in seinem gastfreundlichen Haus in Los Angeles häufig. Das hat Marta Feuchtwanger in Pacific Palisades ziemlich heruntergekommen entdeckt und in kurzer Zeit stilvoll hergerichtet. Es wurde zu einem wichtigen Treffpunkt von namhaften exilierten Künstlern. Als „Ikone des Exils“ bezeichnete Flügge dann auch die überaus elegante, selbstbewusste und lebenskluge Frau an der Seite des Dichters, mit dem sie eine über fünfzigjährige „offene“ Zweierbeziehung verband. Dass das nicht immer leicht war, ist verständlich, aber so noch nicht publiziert.

Flügge hat sich, seit er 1997 selbst Stipendiat in der heutigen Villa „Aurora“, einer Art Villa Massimo am Pazifik, war, mit Marta Feuchtwanger befasst. Wesentliche Grundlagen der kompakten, kenntnisreichen und immer wieder sehr detaillierten Biografie sind bisher unveröffentlichte Dokumente aus dem Archiv der Feuchtwanger Memorial Library, insbesondere aber die umfangreiche Korrespondenz des Ehepaares. Flügge beleuchtete an diesem Abend die jüdischen Elternhäuser, gab eine amüsante Kostprobe der abenteuerlichen Anfangszeit der Beziehung und stellte Marta Feuchtwanger als ungemein emanzipierte Frau vor. Von Hause aus ohne besondere Ausbildung, aber mit einer lebenslangen Vorliebe für Stil und Sport, war sie es, die wichtige Impulse für die Romane ihres Mannes gab und diese kenntnisreich lektorierte und korrigierte. Nach seinem Tod 1958 hat sie, wie Flügge es ausdrückte, „Lions Werk vollendet“, indem sie mehrfach in Deutschland Ehrungen entgegennahm und auf diese Weise eine „Aussöhnung“ ermöglichte, die dem Dichter nicht mehr vergönnt war. Astrid Priebs-Tröger

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